Wenn wir die Welt retten, dann auf zwei Rädern

von Adam Nümm

Manche Abende verlaufen anders, als man es sich vorgestellt hatte. Meistens sind es die besten.

Als mich mein Mitbewohner am Nachmittag fragte, ob ich bei der „Fahrrad Demo“ mit radeln würde, hatte ich noch mit „Nö.“ geantwortet. Die jeden letzten Freitag im Monat stattfindende Fahrradtour durch Berlins Straßen war mir zwar schon zu Ohren gekommen, aber bisher hatte ich weder besondere Notiz von den sich allmonatlich unmittelbar vor unserer Haustür treffenden RadfahrerInnen genommen,  noch hatte ich mich genauer erkundigt, worum es sich bei der Sache eigentlich dreht.

Als ich  einige Zeit später, nach getaner Arbeit, einen kleinen Spaziergang um den Block machte, sah ich sie erneut: hunderte Radfahrer, jedweder Coleur, versammelten sich mal wieder am Heinrich Platz, einige von ihnen mit mobilen Musikanlagen ausgestattet, die sie mit Spanngurten an ihren Rädern befestigen oder im Anhänger hinter sich herziehen.

Es geht losEs geht los, quer durch die Stadt

Ob es meine Leidenschaft für mobile Soundlösungen war, oder einfach nur die Lust ein bisschen rauszukommen und frische Luft zu schnappen – fünf Minuten später stehe ich mitsamt meinem Fahrrad wieder auf dem Heinrichplatz und bin bereit für „Critical Mass“, für die kritische Masse, wie sich die Aktionsform selber nennt – ein Phänomen, wie ich später erfahren werde, das sich 1992 in San Francisco entwickelte und sich seitdem in Städte weltweit ausbreitet.

critical massAuch sportliche Biker sind dabeiAuf der Critical Mass sind jung und alt gleichermaßen vertreten // Auch sportliche Biker sind dabei

Um kurz nach Zwanzig Uhr werde ich Zeuge einer ungewöhnlichen Situation: feierlich wird ein Countdown runter gezählt und der Tross setzt sich, die Oranienstraße in westliche Richtung nehmend, in Bewegung. Das ganze ist so stimmungsvoll, dass es mich spontan an einen Etappenstart der Tour de France erinnert oder den Start eines Marathonlaufs. Allerdings ohne das ganze Brimborium drumherum: hier gibt es nur Radfahrer, die, von überall herkommend,  sich selbst organisieren – keine Absperrungen, keine Banner, keine Zuschauermassen. Nur das ganz normale Kreuzberger Publikum, das wie üblicherweise flaniert oder in den umliegenden Cafes sitzt und das jetzt durchaus angetan ist von der sich abspielenden Szene und sich offenkundig darüber freut, dass (wie so oft) wieder einmal etwas los ist in Kreuzberg.

Und schon bin ich mittendrin in der „kritischen Masse“. Einer von vielen. Ein Glied der Kette, die sich behende Richtung Stadtmitte ihren Weg bahnt; zumeist geht es geradeaus, den Anfang der Gruppe sehe ich längst nicht mehr vor mir. Ab und zu steht Motorradpolizei an gesperrten Kreuzungen oder besser: an Kreuzungen, bei denen außer uns alles steht; AutofahrerInnen, die warten müssen, bis wir vorbei sind. Ein schönes Gefühl, einfach so im Verband durch die City zu fahren.

Zusammen fahrenMan fährt: zusammen

Schnell fällt mir auf: der Umgang miteinander ist freundlich, die Stimmung ausgelassen. „Komm durch“ sagt einer zu mir, als ich etwas schneller fahre, und fährt extra für mich ein wenig zur Seite. Da freue ich  mich und fühle mich aufgehoben. So nett ist man im Straßenverkehr sonst nicht zu mir. Bemerkenswert finde ich, wie die RadfahrerInnen selbstorganisiert und ohne mit der Wimper zu zucken Autofahrer „blocken“ an Kreuzungen, wenn dies nicht gerade von Polizisten erledigt wird. Die vorderen fahren direkt an die entsprechenden Stellen und sorgen so dafür, dass die Autofahrer da bleiben wo sie sind – um den Tross der Radfahrer effektiv abzuschirmen.

Wo lang, entscheidet der FlowMuss auch warten, wie alle andere: StretchlimoWo lang es geht, entscheidet der Flow // Muss auch warten, wie alle anderen: Stretchlimo

Einmal, als wir uns einem Zebrastreifen nähern, wird die Gruppe gemeinsam langsamer und bremst ab; lässt die Fußgänger zuerst rüber gehen. „Alles nach Straßenverkehrsordnung“ sagt jemand, halb im Scherz. Ich werde später noch über diesen Satz nachdenken.

Wohin? – Keine Ahnung!

„Wenn irgendwann jemand die Welt rettet, dann auf 2 Rädern“, sagt ein junger Mann, nachdem ich ihn frage, warum er bei „Critical Mass“ dabei sei. Er ist sportlich gekleidet und trägt – passend zu seinem Rennrad – ein buntes Radfahrercappy. Von ihm erfahre ich endlich, worum genau es sich bei der ganzen Sache handelt. Critical Mass ist nämlich nicht – wie ich zuerst gedacht hatte – eine Demo, sondern ein echter, selbstorganisierter und daher „privater“ Fahrradausflug. Ich bin verdutzt. „Aber wohin geht denn der Ausflug?“ frage ich. „Keine Ahnung!“ bekomme ich zur Antwort. „Das weiß  keiner.“RadfahrerInnen blocken PKWan Kreuzungen, um den "Zug" zu scRadfahrerInnen blocken PKW an einer Kreuzung, um den Zug zu schützen

Einigermaßen verblüfft realisiere ich, dass diese Bewegung etwas sehr besonderes ist. Denn obwohl sich hier viele Menschen zusammen tun, für die gemeinsame Sache, gibt es keine Agenda, kein politisches Element, keinen konkreten Forderungskatalog und vor allem: keine Hierarchie. Außer den Menschen, die die Berliner Facebook Seite verwalten, ist da nichts – und das, wird mir relativ schnell klar, ist auch gut so. „Critical Mass ist schon ein Statement an sich, wenn auch ohne direkte Forderung. Wir nutzen unser Recht als Bürger im Straßenverkehr.“

B612-2015-05-29-21-06-00Xavor Pedal „Wird Zeit, dass sich unser Blickwinkel ändert“

Politisch im Unpolitischen

„Aber was ist mit den roten Ampeln, die wir ständig überfahren?“ möchte ich wissen. Xavor Pedal (wie sich der junge Mann später vorstellt), antwortet: „Das ist alles im grünen Bereich. Wenn man mit einer großen Gruppe radelt, gilt man laut Straßenverkehrsordnung als „Zug“. Das ist ja das geile.“ Die Vordersten, so erklärt er mir, müssen sich also durchaus an rote Ampeln halten und stehen bleiben, wenn rot ist. Ist dann grün und der Zug einmal in Bewegung, darf aber weitergefahren werden, auch wenn die Ampel wieder auf rot springt. Meine Verblüffung ist ungebrochen. Hier wird also gemeinsame Sache gemacht, der öffentliche Raum in Beschlag genommen und (manch einer würde sagen) ein riesen Verkehrschaos verursacht – aber alles innerhalb der gültigen Gesetze. „Warum Verkehrschaos“, sagt Xavor. „Das echte Chaos sind doch die ganzen Luftverpester. Nur haben wir uns an die leider gewöhnt. Wird Zeit, dass sich unser Blickwinkel ändert.“ Ja, da hat er wohl recht. „Wir Radfahrer haben doch genauso das Recht, unseren Raum zu beanspruchen wie die Autofahrer.“ Da gibt es nichts dran zu mäkeln.

SiegessäuleAuch der Kreisverkehr an der Siegessäule wir in Beschlag genommen

Ob ich mit dem Rad fahre oder mit dem Auto, ist meine Entscheidung. „Das Politische ist schon irgendwie da“, meint Xavor weiterhin, „Vielleicht steckt sozusagen das Politische im Unpolitischen.“ Interessant. Ich hatte mich nämlich schon gewundert, warum auf dieser Veranstaltung keinerlei Parteifahnen beispielsweise der Grünen zu sehen sind. Die Bewegung lässt sich nicht so leicht vereinnahmen, eben weil sie sich selbst nicht als „politisch“ verordnet – zumindest nicht offiziell. Dass nicht wenige, der hier versammelten Menschen durchaus politische Motive haben, finde ich nichts desto trotz leicht heraus. Die meisten der von mir interviewten RadlerInnen geben durchaus gerne ihre Unzufriedenheit preis, wenn es um die Rechtssituation in Deutschland geht, bezogen auf Radfahrer vs Autofahrer. „Eine Frechheit“ sei es, wie die Autofahrerlobby hierzulande von der Politik verhätschelt werde; einer fragt mich ganz offen und sichtlich erzürnt: „Wieviele von uns müssen eigentlich noch sterben, damit sich da endlich etwas tut? Neulich in Kreuzberg ist wieder ein Radfahrer von einem LKW getötet worden, Reichenberger Ecke Glogauer Straße“ Er erklärt mir die schwierige Situation und mir wird klar, dass sich hier viele Menschen Luft machen, die unzufrieden sind mit den herrschenden Verhältnissen.

Vorbei an Kulturstätten wie dem Haus der Kulturen der WeltVorbei an Kulturstätten wie dem Haus der Kulturen der Welt

Vielfalt trifft Entschleunigung trifft  Kultur

Die Menschen hier sind aber ohne Frage nicht alle vom selben Schlag, geschweige denn alle gleich motiviert. So unterschiedlich wie die Fahrräder, so unterschiedlich die Menschen: jung und alt radeln mit – der eine mit Mountainbike, andere  mit Fahrradkorb und wieder andere mit selbst zusammengeschweißten Liegerädern. „Für mich ist das die geilste Party überhaupt“ sagt Jonas, (22), Elektriker, und freut sich über die vielen Musikanlagen, die mit ganz unterschiedlichen Musikstilen einen gewissen Drive in das Ganze bringen. Gisela ist mit 69 Jahren erstaunlich fit für ihr Alter. Für sie ist die Möglichkeit, mal unbeschwert durch ihre Heimatstadt Berlin zu fahren, der Hauptgrund für ihre Teilnahme. „Das hat schon was, wenn man mit all den Leuten gemeinsam durch die Stadt fährt, in der man so viel schon erlebt hat. Man sieht ja auch was von der Stadt. In der Ubahn sieht man ja nichts.“Unterschiedlichste Räder und MenschenWie die Räder, so die Menschen: unterschiedlich

In der Tat, man sieht was. Und zwar so einiges. Als wir an einem prunkvollen Schloss vorbeifahren und ich schon seit einiger Zeit die Orientierung verloren habe, wird mir geholfen: „Das ist das Charlottenburger Schloss“, sagt Andreas (Mitte 50), Diakon aus Ostberlin. Für ihn war heute besonders die Durchradelung des Tunnels am Alexanderplatz von Bedeutung. „Da war ich mal festgesetzt worden, zusammen mit anderen Friedensaktivisten, Mitte der Achtziger. Normalerweise fährt man da ja nur mit dem Auto durch – mit dem Rad ist das schon was anderes, da werden Erinnerungen wach.“ Ob er sich vorstellen könne, dass aus der Critical Mass eines Tages auch so etwas wie eine Friedensbewegung werden könne, frage ich ihn. Andreas, Friedensaktivist und Diakon aus BerlinAndreas, Ostberliner Diakon, radelt zum ersten mal mit und ist begeistert

„Das ist sie doch schon. Wo sonst bitte schön hat man so ein friedliches Miteinander wie hier? Die Leute reden miteinander, anstatt – voneinander abgekapselt – im Stau zu stehen. Alle reden von Entschleunigung. Das hier ist gelebte Entschleunigung!“ In dem Moment heben die FahrerInnen vor uns alle gleichzeitig und geräuschlos die Hand und werden langsamer. Ein magischer Moment. Arm heben statt Warnblinker. Das hat was. Direktes. Geerdetes. Natürliches.

Regeln VS Vertrauen

„Regeln sind nur in einem bestimmten Maß sinnvoll. In dem Maß, in dem wir uns gegenseitig [als Menschheit / Anm.d.V.] misstrauen. Je mehr wir uns vertrauen, desto weniger Regeln brauchen wir“ sagt eine Radfahrerin, lächelt uns an und beschleunigt dann. Ich werde nachdenklich. Was, wenn wir vorhin am Zebrastreifen nicht aufgrund der Regel, sondern aus echter Rücksichtnahme auf die anderen abgebremst hätten? Wäre es vielleicht tatsächlich so, dass wir weniger Straßenverkehrsregeln (und allgemein weniger Regeln) bräuchten, wenn wir lernen würden, mehr aufeinander Acht zu geben? Oder, anders ausgedrückt, z.B. anstatt Autos nur noch Fahrräder benutzen würden? Ein schönes Gedankenspiel allemal.

critical massAuch gehandicapte MitbürgerInnen sind mit von der Partie

Je mehr ich über diese Dinge nachdenke, desto mehr wird das Radfahren an sich für mich zur vielseitigsten, zeitgemäßen gesellschaftlichen Metapher überhaupt. Egal ob Öko-Diskurs, Freiraum-Debatte oder der allgemeine Trend hin zu mehr Körperbewußtsein: mir scheinen die Hinweise darauf, dass diese Masse schon sehr bald tatsächlich eine „kritische Masse“ werden könnte, aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Motivierbarkeiten, unübersehbar groß. Und auch, als wir am Bundestag vorbeifahren und aus der Radlermeute laute Buh-Rufe erschallen, werde ich in meinem Instinkt bestätigt. „Wir werden jedes mal mehr, gewöhnt Euch lieber schon mal dran!“, ruft einer der Radfahrer den Sicherheitsangestellten am Reichtagsgebäude zu.Am Bundestag: Die Rufe werden lauterAm Bundestag: die Rufe werden lauter

Mittlerweile habe ich meine Orientierung wieder gefunden. „Ach, hier ist die Deutsche Oper!“ ruft ein jüngerer Teilnehmer seiner Freundin zu – Musik trifft Politik trifft Entschleunigung trifft Kultur.. Die Liste der Vorzüge dieses Fahrradausfluges ließe sich sicher noch fortführen. Mir aber tut mittlerweile – offen gestanden – der Arsch weh. Und dunkel ist es inzwischen auch. Hoffentlich, denke ich, fahren die da vorne bald mal rechts, damit es mal wieder Richtung Süden geht. Nach Eberswalde wollte ich heuteabend eigentlich nicht mehr radeln.. Zu allem Überfluss sehe ich, wie mein Nachbar sich einen Powerbar gönnt oder sowas – irgendeine Paste für Leistungssportler in einer Aluminiumverpackung. Plötzlich bin ich einigermaßen verunsichert. Bin ich hier vielleicht in so eine Art Marathon geraten – ein neuartiges Internet Massenphänomen für Sportverrückte? So sportlich sehen die meisten hier aber gar nicht aus.

Von MC Hammer über Falko bis hin zu Black Sabbath reicht das musikalische Spektrum auf der Critical Mass, auch Liebhaber elektronischer Musik kommen voll auf ihre Kosten

„Letztes mal sind wir um die 50 Kilometer geradelt“ höre ich jemanden sagen. Mir wird bang. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Als ich meine Sorge laut ausspreche, entgegnet mir mein Nachbar gelassen: „Das gehört dazu. Wer will schon ein Leben ganz ohne Selbst Überwindung?“ Mir gefallen seine Worte. Und als wir kurz danach abbiegen, kann ich wieder lachen, denn die Musik gefällt mir im Dunkeln noch besser, einige RadlerInnen haben jetzt ausgefallene Beleuchtungen an Rädern und Kleidung – der Zug im Dunkeln verschmilzt zu einer fahrenden, pulsierenden Lichterkette.

„Ihr seid vieeeel zu viele!“ ruft laut ein Mitbürger mit Bierflasche in der Hand, als der Tross mitten durch Reinickendorf jagt. „Ich würde das echt gern mal von außen sehen, das dauert sicher eine halbe Stunde oder länger, bis alle durch sind, sagt Xavor, der mittlerweile wieder neben mir fährt. „Leider ist es auch gar nicht einfach, mal alle zu zählen, das sind bisher immer nur Schätzungen. Einige Tausend sind wir definitiv, vielleicht schaffen wir ja diesen Sommer mehrere Zehntausend. Da geht was!“ grinst er.

Eine Viertelstunde später entschließe ich mich, den Tross zu verlassen. Auch aus der Einsicht heraus, dass dies ein ganz zentraler Bestandteil des Ganzen ist: Menschen kommen zusammen und dann lösen sie sich wieder voneinander. Es gibt kein „Ziel“, kein offizielles Ende. Zwar, so heisst es, wollen einige wohl später noch ein bisschen zusammen im Volkspark Friedrichhain Musik hören und ein Bier trinken – aber das ist absolut keine Pflicht. Ich bin müde und habe Hunger. An der Straßenecke Danziger/Prenzlauer Allee lösen sich mit mir gemeinsam ein paar RadlerInnen aus dem Tross. „Kreuzberg!“ ruft einer. Da bin ich dabei.

Party Bikes by nightParty Biker by night

Als ich  wieder in meinem Kiez ankomme, ist es Viertel nach Elf. ich bin gute drei Stunden durch Berlin geradelt, circa 40 Kilometer. Das waren die kurzweiligsten drei Stunden seit langer Zeit. Ich brauche ein wenig, um mich wieder an den normalen Verkehr zu gewöhnen – es ist wie mit allem anderen auch: man gewöhnt sich schnell an neu gewonnene Freiheiten – andersherum ist es schwieriger. Vielleicht darf man ja hoffen, dass in Zukunft immer mehr Menschen in den Genuss des befreienden Radelns kommen. Und wenn dann, am Ende, die Fußgänger über die Radfahrer triumphieren, haben wir vielleicht gewonnen.

http://criticalmass-berlin.org/critical-mass/verhaltensregeln/

 

KUNG FURY *OFFICIAL SHORT*

YOGA in Zeiten der SELBSTOPTIMIERUNG

Ich finde es grundsätzlich sehr gut, wenn immer mehr Menschen Yoga machen. Yoga ist (wie hunderte andere Möglichkeiten auch) für Körper, Seele und Geist eine wunderbare, entspannende und kräftige Sache, bei der wir uns darin üben können, etwas Gutes für uns zu tun.

Neulich beim Bikram Yoga hatte ich aber wieder einmal eine Begegnung, die mir bewusst gemacht hat, dass wir als Gesellschaft ein Grundsatz Problem haben, das man vermutlich nicht in Kursen oder oder durch bloße Beschäftigung mit „einer Sache“, einem „Trend“ oder einer „Disziplin“ in den Griff kriegt..

YOGA, eine Chance

Wir neigen zu Leistungsdenken. Selbst viele von denjenigen, die den Weg zu Yoga etc finden, lassen sich (oft unbewusst), vom Leistungsgedanken und entsprechenden Identifikationsmustern leiten.

Letztlich bringt das Bild vom Yogalehrer, der der Beste (und Erfolgreichste) sein will und der am Ende so viel Yoga (und später dann Yoga Business) macht, dass er mit Herzinfarkt umkippt, es auf den Punkt: wenn wir nicht wirklich achtsam mit uns selber sind, wenn wir immer wieder dem Trug erliegen, dass wir glauben besser sein zu müssen, besonders gut sein zu müssen, uns erst gut fühlen können, wenn wir besser sind oder mehr haben als andere – dann werden wir nie aus dem Kampf austreten können, der viele von uns so erschöpft.

Yoga ist zweifelsohne eine Chance. Ein Geschenk, bei dem viele von uns ahnen, wie wertvoll es eigentlich ist.

Ich hoffe, dass unser Streben nach Leistung, Profit und Optimierung am Ende nicht dazu führt, dass in unserer Gesellschaft vom eigentlichen Geist dieses‘ Geschenks zuletzt nicht viel mehr übrig bleibt, als ein Firmenlogo.

Tarzan wie es wirklich war (abjelecht)

Heissen Sie

Jugenderinnerungen….. Snöörr!

Fremdgesteuert – Mein Tagebuch in der Augmented Reality

Agenten mit dunklen Brillen. Es hat den Anschein, sie führen etwas im Schilde; planen etwas, schauen sich unauffällig um und widmen sich dann wieder ihrem „Handheld Device“. Es sind mehrere, ein Aussenstehender könnte wohl nicht genau erkennen wie viele es sind. Ich selber weiss es, denn: ich bin einer von ihnen. Nein, ich bin nicht im Film „Matrix“, sondern ich stehe mitten in Berlin, am Kottbusser Tor. Ich spiele „Ingress“.

Spätestens, wenn man herausfindet, dass Google hinter dem  Augmented Reality Game steckt, wird es interessant. Denn Ingress ist anders, als alles bisher dagewesene. Ingress hat das Potential, gesellschaftliche Dinge grundlegend zu verändern.

Ich habe es etwa eine Woche lang intensiv gespielt. Warum ich nicht länger durchgehalten habe, erfahren Sie in meinem Ingress Tagebuch.

ingress2

Tag 1

Durch einen Zufall lande ich auf der Wikipedia Seite zu “Ingress”. Dort lese ich:

“Ingress ist ein Augmented-Reality/Alternate-Reality-Spiel von Google, welches von Niantic Labs entwickelt und herausgegeben wird. Es ist momentan für Android und iOS verfügbar.

Der Spieler gehört zu einer von zwei Fraktionen, den Erleuchteten (Enlightened, grün) oder dem Widerstand (Resistance, blau). Ziel des Spiels ist, für die Fraktion, für die man spielt, möglichst viel Gebiet zu erobern. Dies geschieht, indem man Portale übernimmt und diese zu Feldern verlinkt, die diese Gebiete überdecken.”

Interessant. Ein Spiel, das man „in echt“ spielt. Also zwei Fraktionen gegeneinander – weltweit, wenn ich das richtig verstehe. Ich lade mir die gratis App runter, installiere sie und bin ab der ersten Sekunde in ihren Bann gezogen.

Ich sehe auf meinem Display meine Umgebung, ungefähr so wie man es von Google Maps kennt nur, dass alles in dunklen Grautönen gehalten ist und es an einigen Stellen anscheinend spezielle Orte gibt; ganz in der Nähe scheinen Portale oder Markierungen zu sein. Sehr interessant. Ich gehe vor die Haustür und absolviere das Training, das mir zeigt, wie ich Portale hacke und dadurch Belohnungen erhalte. Ich schreibe im in der App integrierten Chat, dass ich Anfänger bin und Hilfe in Kreuzberg suche, da ich zwar das Spielprinzip verstehe, aber  von all den verschiedenen Menüpunkten auf dem Interface noch etwas überfordert bin. Kurze Zeit später meldet sich “Bowery”, der wie ich selbst „Enlightened“ spielt und wir verabreden uns kurzfristig am Görlitzer Bahnhof. Ich bin echt gespannt, denn wie es aussieht treffe ich mich gerade zum ersten mal in meinem Leben mit einem Menschen, den ich über ein Spiel, also virtuell, kennen gelernt habe.

Und da ist er auch schon: Bowery ist ein gepflegt auftretender junger Mann um die dreissig, der beruflichen Erfolg und eine gewisse Intelligenz ausstrahlt.

Er erklärt mir freundlicherweise die Grundprinzipien des Spiels: Portale einnehmen, verlinken (miteinander verbinden) und dafür Punkte kassieren; hochleveln, damit man Portale schneller einnehmen,  besser bewaffnen und besser schützen kann, die dann, derartig hochgelevelt, wiederum bessere Gegenstände abwerfen („Farming“). Es gilt, ganze Bereiche so zu kontrollieren und nach Möglichkeit zu halten, immer wieder Portale zu melken und sich somit auf Dauer besser zu positionieren als der Gegner.

Der “Gegner”.. überlege ich und frage Bowery, wie es denn sei, wenn man auf den Gegner treffe. Er sagt, das sei unterschiedlich. Manchmal würde man sich ignorieren, manchmal gebe es ein Pläuschchen. Zu Übergriffen komme es nicht.

Ich muss zugeben, zu diesem Zeitpunkt bin ich extrem gespannt.

Und Bowery ist ziemlich motiviert, er bombardiert mich förmlich mit Informationen, die ich so schnell gar nicht alle aufnehmen kann. Wir laufen durch den Görlitzer Park und mir dämmert langsam, dass ich hier mit einem High-Level Spieler unterwegs bin, der im Nullkommanix jegliche gegnerischen Portale zerstört und „begrünt“. Grün, das ist unsere Farbe, die Farbe der “Erleuchteten” , während blau die Farbe des “Widerstandes” ist, unserer Kontrahenten. Bowery schiesst alles in Sekunden in den neutralen Zustand, und ich besetze dankbar alle frei gewordenen Portale mit meinen Level 1 Resonatoren. „Danke!“ sage ich, ja ich sage mehrmals “Danke!” als ich Dank Bowerys Assistenz Level 2 erreiche und wäre Bowery Spanier, würde er jetzt “Es nada!” entgegnen aber er tut ebendies ohne spanisch und ich denke mir, ja, hier verschmilzt der Avatar mit dem Menschen, hier BIST Du der lvl 80 Typ aus World of Warcraft, hier ist die Symbiose zwischen Spieler und Spielfigur ein ganzes Stück weiter fortgeschritten, irgendwie unheimlich ..aber ich will meine Ängste nicht an die Wand malen und stattdessen mache ich meiner Begeisterung Platz, ja, ich BIN begeistert, denn das hier ist  erlebbare Evolution, das hier ist spannend bis in die Haarwurzeln, das hier ist irgendwie speziell und ich ahne bereits, dass auch Berlin und ganz speziell Kreuzberg dieser ganzen Sache einen gewissen zusätzlichen Drive gibt.

Bowery erklärt mir, dass Berlin tatsächlich die höchste Spielerdichte weltweit hat, gefolgt von San Francisco und ich bin irgendwie beeindruckt – Berlin und San Francisco, diese beiden hippen Brüder. Das Spiel erscheint mir nach der Begegnug mit Bowery plötzlich gar nicht mehr nerdig, sondern eher wie ein super hippes Kulturphänomen auf der höhe modernster Technik, gewissermassen die ultimative Schnittstelle zwischen Nerdtum und digitalem Zeitgeist. Ich denke an San Francisco und daran, dass dort wahrscheinlich schon alle mit Google Glass spielen und ich bin irgendwie froh darüber, dass „Ingress“ hier in Berlin so viele Anhänger hat und habe mich kurzerhand mit Bowery für die nächsten Tage verabredet, er wird mich in die Google Gruppe der „Erleuchtet“ Fraktion für Berlin Neukölln einladen.

Tag 2

Irgendwie geht Ingress an diesem Tag an mir vorbei. Am späten Nachmittag gehe ich kurz vor die Tür, um das Portal auf meiner Strassenecke zu beschiessen. Ein Portal erreiche ich sogar von zu Hause aus – ein absoluter Vorteil, wenn das der Fall ist, hatte Bowery gesagt. Leider sind meine Level 2 Waffen so schwach, dass ich fast die ganze Munition verballere, ohne viel bei dem mit Level 6 Abwehr der Gegner befestigten Portal auszurichten. Morgen ist das Treffen mit den anderen Spielern, da werde ich dann sicher schneller leveln..

Tag 3

Es ist Sonntag und heute steht um 17h dasTreffen mit den anderen Agenten per Fahrrrad an. Ich bin gespannt wie das wird und weiss weder genau wo es hin geht, noch wie das ganze ablaufen wird. Bisher habe ich nur den Treffpunkt von „Marble Mary“ per Google Hangouts erfahren. Sie schrieb, sie habe meinen Kontakt von Bowery bekommen. Prima, alles läuft also und um ganz ehrlich zu sein, ich bin ein bisschen aufgeregt. Es ist eine angenehme, neue Aufregung, weil das, was ich heute erfahren werde, neu ist.

Um kurz vo 16h radel ich also zur Sonnenallee und muss schauen, dass ich nicht allzu spät komme, weil ich auf dem Weg noch schnell alle möglichen freien Portale besetze. Ich muss höllisch aufpassen, dass ich auf dem Fahrrad keinen Unfall baue, denn es ist richtig was los hier in der Parallelwelt: der Stadtteil zwischen Görli und Sonnenallee ist unerwartet grün, was mir direkt ein Gefühl der Genugtuung verschafft – ab der Sonnenallee wirds dann allerdings eindeutig Feindgebiet.

Als ich an der Polzeiwache vorbeifahre frage ich mich selbst scherzenderweise, ob das Team Grün wohl im Zweifel auch auf meiner Seite stehen würde. Auch Polizisten spielen Computerspiele und ich bin sicher, dass die meisten von ihnen sich für „grün“ entscheiden würden..

Schon von weitem mache ich meine Mitspieler aus: Eine Vierergruppe mit Fahrrädern. Aus der Entfernung würde ich sagen eher junge Leute, lässig gekleidet und irgendwie voller Tatendrang, so wie vor einer Schnitzeljagd.

Ich komme näher und bemerke, dass eine von den Vieren eine Frau ist, eine junggebliebene Vierzigerin, die sich mit “Mary” vorstellt und anscheinend meine Kontaktperson ist. Sie ist – wie alle anderen auch  – sehr freundlich und aufgeschlossen, ich stelle mich kurz vor und erkläre, das ich ein Newbe bin.

Es dauert nicht lange und die Gruppe vergrößert sich, wir werden am Ende zu neunt sein. Kurzzeitig glaube ich, zwei sehr hübsche Spanierinnen in der Gruppe auszumachen, als ein Teil von uns aus der brütenden Sonne zu den anderen in den Schatten wechselt, aber ich bemerke dann, dass die zwei Hübschen wohl nur zufällig ganz in der Nähe auf den Bus warten. Schade.

Wir teilen uns in zwei Gruppen. Mary, die eine der Gruppen anführen wird,  hat sogar einige DIN A4 Seiten ausgedruckt von sogenannten “8tern”, also feindlichen Portalen der Güteklasse A+, die es heute gilt, dem Erdboden gleichzumachen und mit eigenen Verteidigungsanlagen zu bestücken. Die Situation ist so nerdig, dass es herrlich surreal ist: die Dialoge wären für Aussenstehende absolut nicht nachvollziehbar, genauso gut könnten wir kauderwelsch reden. Ich selber rede kaum, ich höre zu und lerne.

Die meisten haben an ihren Fahrradlenkern Smartphonehalterungen angebracht. Tatsächlich bin ich bin der Einzige, der ohne solch eine Halterung loszieht.

Ich entscheide mich, in der anderen Gruppe mitzufahren, die offenbar mehr Portale auf der Route zu knacken hat und stelle fest, dass auch in unserer Gruppe eine junge Frau mitradelt.  Sie macht eien eher schüchternen Eindruck und trägt einen braunen Rock, der fernöstlich angehaucht ist mit lauter weißen Zeichen drauf. Sie wirkt ein bisschen wie ein Öko – was ich spannend finde, denn einen Öko hätte ich hier nicht erwartet.

„Torpedo“, der schon ein sehr hohes Level erreicht hat, ist unser Anführer. Ich erkläre mehrmals, dass ich mich über jede Hilfestellung freue und mir wird großzügig entgegengekommen. Ich fahre in der nächsten Stunde meist hinterher, um neutralisierte Portale mit meinen Resonatoren zu bepflanzen – was mir sehr hilft beim Punkte sammeln und was ich den anderen hoch anrechne – wieder bin ich dankbar und wieder staune ich über die soziale Dynamik in diesem Spiel: eine Hand wäscht die andere, man zieht gemeinsam los und ich werde als Neulig herzlich empfangen, da jeder, der willens ist, für die gemeinsame Sache zu kämpfen, die Gruppe insgesamt verstärkt. Alle ziehen hier an einem Strang, soviel ist klar.

An ein oder zwei Stellen kommt es beinahe zu etwas wie einem kurzen Dialog zwischen mir und Remedy24, der Öko Frau und auch mit Tombo, dem Typen mit gelbem Tshirt und Schlägermütze, verständige ich mich auf einen Smalltalk.

Um ehrlich zu sein: das alles ist für mich irgendwo zwischen merkwürdig, lebensmüde ( ich werde gefühlte 23 mal beinahe überfahren, weil ich mitten auf der Strasse mal wieder irgendwelche Portale “deploye”) und cool (die Sonne scheint, was gibt es besseres als eine Radtour durch Rixdorf!?). Ich levele fleissig hoch, aber muss meistens genau aufpassen, wo die anderen abbiegen, weil ich immer erst die leeren Portale deploye, die die anderen kurz zuvor freigelegt haben. Nach einiger Zeit wird das ganze aber dann doch ein wenig zäh – geredet wird ja kaum und so langsam wird die Sache ein wenig erschöpfend. Ich bin zwar schon fast Level 5,  aber heute ist für mich die Luft raus. Nach etwas zwei Stunden biken schaue ich auf die Uhr und bin froh, dass ich am abend noch eine Real Life Verabredung habe.

Dass ich es unaufmerksamerweise ausgerechnet an diesem Tag schaffe, 50 Euro, die ich soeben am Geldautomaten auf der Karl Marx Strasse abgehoben habe, zu verbummeln, hat mit hundertprozentiger, absoluter Sicherheit damit zu tun, dass ich, während ich noch am Geldautomaten stehe, nebenbei weiter irgendwelche Portale hacke und in meinen „Scanner“ (mein Smartphone) starre.. SHIT!

Trotzdem erzähle ich abends überschwänglich meinen Kumpels von dem neuen Spiel, das mich immernoch begeistert. Ich zeige ihnen die App auf dem Handy und merke, wie der Begeisterungsfunke auf den ein oder anderen sofort übergeht, als ich ihnen zeige, wie ich in der Nähe befindliche Portale abschiesse und erwähne, dass gaz in der Nähe feindliche Agenten sein müssen. Meine Kumpels machen große Augen – auch Ihnen ist sofort klar, dass diese Spiel reale und virtuelle Ebenen miteinander verbindet, wie es zuvor noch nie der Fall war. Zwei Kumpels laden sich die App sofort runter und schlagen sich zu meiner Fraktion. Ziemlich begeistert und beim dritten Bier machen wir Pläne, dass wir bald in Kreuzberg den Ton angeben werden und mit gezielten Aktionen den Blauen die Petersilie gehörig verhageln werden!

Tag 4

Ich bekomme mittags eine SMS und lese, dass mein Kumpel Jakob sich jetzt auch Ingress installiert hat. Wir treffen uns kurze Zeit später bei mir und ich erkläre ihm die Basics. Zum ersten mal gucke ich in die strategische Übersichtskarte auf der Ingress Website auf dem Laptop, um zu sehen, wo wir am leichtesten „deployen“ (also leere Portale besetzen) können.

Wir laufen ein wenig die Oranienstrasse runter, dann über den Kotti zur Reichenberger. Mittlerweile weiß ich bereits auswendig wo in meiner unmittelbaren Nachbarschaft welche Portale zu finden sind und welche Strecken sich lohnen. Diesmal zeige ich den Weg an. Jakob levelt auf  und freut sich dabei tierisch. Irgendwann haben wir genug von der Rumrennerei, bei der wir ständig beide aufs Display starren und alle paar Meter gemeinsam Portale besetzen und entscheiden uns, ein eine kleine Eis-Pause in der Manteuffelstrasse zu machen.

Wir lecken also nach getaner Arbeit an unserem Eis herum, als ich doch nochmal in meinen Scanner gucke. Das gibt es doch nicht! Offenbar hat da jemand von der Gegenseite in den letzten 3 Minuten unser vollbesetztes Portal angegriffen und schon wieder übernommen. Ich stelle erleichtert fest, dass es offenbar ein noch schwacher Spieler ist, da er nur Level 2 Resonatoren verwendet und greife sofort, noch an der Eisdiele sitzend, das Portal auf der anderen Strassenseite an. Da sagt Jakob, er könne den Feind sehen, er habe Sichtkontakt, und deutet auf einen jungenTypen im schwarzen T-Shirt, der ziemlich intensiv auf sein Handy starrt.

Die Situation ist irgendwie strange: da vorne steht also unser erster echter Feind. Er sieht ziemlich sympathisch aus. Ein hübscher, dunkler Typ mit längeren Haaren, mitte Ende zwanzig. Kurzerhand rufe ich in seine Richtung und winke mit meinem Smartphone. Er versteht es und kommt zu uns rüber. Ich stelle mich mit echtem Namen vor und mache einen Scherz, um die Situation ein wenig aufzulockern.

In dem Momet kommt auch noch Bowery dazu. Offenbar hat er die ganze Situation auf seinem Scanner mitverfolgt und jetzt sehe ich, dass er das umkämpfte Portal wieder für uns eingenommen hat, was sich irgendwie gut anfühlt. Der Blaue ist in der Unterzahl und wird alleine nicht viel gegen uns ausrichten können. Wir versuchen ein bisschen Smalltalk, aber so richtig will das nicht funktionieren. Der Widerständler interessiert sich allerdings rege für „Bowery“ und der wirkt plötzlich recht verschlossen. Nach einer Weile ist alles gesagt und der junge Mann verabschiedet sich freundlich. Als er weg ist, erfahre ich von Bowery, dass die beiden so eine Art Erzfeindbeziehung führen um die Vorherschaft in der Manteuffelstrasse, in der Bowery wohnt.

Für heute war es das mit Ingress, denn mein Handyakku ist – mal wieder – leer und ich brauche dringend mal ne Pause. Offen gestanden dämmert mir langsam, dass Ingress so etwas wie eine Vollzeitbeschäftigung ist, denn man kann es eigentlich immer und überall spielen – vorausgesetzt der Akku hält.

Tag 5

Innerlich widerwillig habe ich den Tag über immer mal wieder, sozusagen „nebenbei“, das ein oder andere Portal erobert und besetzt. So richtig euphorisch bin ich dabei allerdings nicht mehr. Dennoch will ich noch aufs höchste Level kommen – das habe ich mir vorgenommen, was ja auch bald geschafft sein wird: bis zum höchsten, achten Level sind es nur noch zwei zu erklimmen.

Mehr aus Langeweile denn aus Motivation schaue ich am frühen Abend noch mal in die Ingress Map und entdecke, dass einige von mir besetzte Portale in der Zwischenzeit nicht mehr ganz so gut intakt sind. Sie wurden wohl schon wieder angegriffen. Weil ich gerade Zeit habe, entschliesse ich mich kurzerhand noch einmal rauszugehen, das wieder zu „korrigieren“ und noch ein paar Punkte zu sammeln.

Ich laufe also wieder mal in meiner Gegend rum, den Weg um den Block, den ich in den letzten Tagen ziemlich oft gegangen bin. Ich bekomme Hunger und gehe zum Falafel Mann. Während ich auf meinen Falafel warte, habe ich eine sehr spezielle Begegnung. Zum ersten mal verdächtige ich andere Leute, Agenten zu sein, denn dieses mal bin ich absolut nicht sicher. Es ist eine Dreiergruppe, zwei Mädels und ein Junge, alle Anfang zwanzig. Die eine schaut öfter zu mir rüber und das Portal, das ich eben noch erobert hatte, ist jetzt wieder neutral. Alle drei reden manchmal miteinander, wenden sich dann aber wieder ihren Smartphones zu.

Ich bin verunsichert. Spielen die jetzt das Spiel oder spielt mir das Spiel einen Streich? Ich bin kurz davor, sie zu fragen – entscheide mich aber dann dagegen. Mein Falafel ist fertig und ich verlasse den Laden. Zum ersten mal hatte ich eine sehr sonderbare zwischenmenschliche Begegnung, bei der ich mich am Ende nicht mehr wohl gefühlt habe.

Tag 6

Wenn ich unterwegs bin, zu Fuß, mit dem Rad oder der U-Bahn, bin ich mittlerweile standardmäßig nebenbei am hacken. Als ich heute Am Görlitzer Bahnhof an der Ampel stehe, habe ich eine weitere sonderliche Begegnug. Ich glaube, in der schönen Frau, die dort, ein paar Meter weiter in ihr Smartphone schaut, eine Agentin zu erkennen. Ich kann dabei nicht genau sagen, wie ich darauf komme. Während ich mich noch frage, ob sie tatsächlich eine Agentin ist, geht mir ein Licht auf. Ich schaue mich um und mir wird plötzlich klar, dass im Berliner Sommer 2014 wirklich fast ALLE Menschen nur noch in ihr Handy starren. Es wirkt auf mich fast wie ein psychedelischer Augenblick, aber es ist kein schöner; ich schaue mich in Ruhe um und sehe überall Menschen, die beschäftigt sind, abwesend, komplett in einer anderen Welt versunken. Ich komme mir vor, wie in der Zeitlupe eines ScienceFiction Films, der im hier und jetzt spielt. Überall sehe ich Menschen, die ihren Handheld Device umklammern und ihren Blick nach unten richten. Menschn aller Altersklassen, aller Hautfarben und jeglicher Ausstrahlung, alle sind in Bewegung, aber keiner ist hier, vor Ort. Alle sind woanders, alle spielen Ingress oder chatten oder checken oder tun irgendwas mit dem Computer, den sie bei sich tragen, mit dem Soulmate, mit ihrem besten Freund, diesem kleinen Helfer, dem sie alles anvertrauen, der alles über sie weiß und immer dabei ist, immer ansprechbar, vorausgesetzt sein Akku hält.

Tag 6, später Abend

Ich stöbere wieder mal in der Übersichtskarte und sehe, dass an der East Side Gallery jede Menge Portale weit offen sind, d.h. neutral oder grün und kaum besetzt. Mit einem irgendwie widerwilligen Gefühl im Bauch setze ich mich aufs Rad, es ist bereits dunkel draussen und nasskalt..

Ca. 2 Stunden später bin ich wieder zu Hause. Ich habe eine runde gemacht. Was habe ich erlebt?

Ich hab mich gefragt, was sage ich, wenn ich jemanden treffe und von ihr/ihm gefragt werde was ich mache? Ich würde wohl sagen, was Sache ist, auch wenn ich einen Moment daran zweifle.

Ich bin angeknurrt worden und angekläfft. Mehrmals. Ich habe das Gefühl, Hunde spüren meine geistige Abwesenheit, meine „Nicht Präsenz“.So oft angekläfft wie heute wurde ich noch nie. Ich erinnere mich noch genau an die Worte einer frau, die sagte, “Komisch, das macht der sonst nie! Was ist denn mit dir los, WauWau?” So sehr ich in das Display vertieft war, so sehr überraschte mich jedes mal das plötzliche Kläffen und Knurren. Als wäre ich mit meiner Aura zu weit und ohne entsprechende Vor- oder Rücksicht in die Aura des entsprechenden Tieres geraten.

Ich habe mich selbst dabei erwischt, wie ich bei einem Passanten aufs Handydisplay gaffte, in der banalen Hoffnung, er könne mich per Kapsel (mit Kapseln kann man Mitspielern virtuelles Equippment übergeben) mit Resonatoren versorgen, die mir gerade ausgegangen waren…

Mir wurde von einer Gruppe zu gerufen, es sei längst grün, ich könne losfahren.

Ich stand auf dem Mittelstreifen einer Schnellstrasse, während ich Portale hackte.

Ich polterte viel zu steile stufen mit meinem Fahrrad herunter, sodass mir fast meinHandy aus der Hand viel.

Ich hielt mich in dunklen Ecken und Winkeln auf, die mir bei genauerer Betrachtung gar nicht geheuer waren.

Ich wurde verdammt hastig, als mir der Akku knapp wurde. Das ging sogar soweit, dass ich meinen Freund Robert am Telefon regelrecht abwürgte, obwohl er mir gerade begeistert von einer tollen Sache vorschwärmte.

Ich kam zuletzt hier zu Hause an, zwar mit einigen tausend AP mehr, aber ich fühlte  mich irgendwie leer, ausgesaut, nicht wohl in meiner Haut. Ich fühlte mich irgendwie.. unauthentisch, ja nahezu fremdgesteuert. Was habe ich in den letzten 2 stunden gemacht? Was für ein Weg war das, den ich da zurückgelegt habe? Hab ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

 Tag 7

Zum wiederholten Male ist mein erster Gedanke unmittelbar nach dem Aufwachen: “Hacken! Steht mein Homeportal noch?! Sofort die Zeit nutzen und hacken!”

Ich werde den ganzen Tag nicht richtig wach, das Wetter ist schwül und ich entscheide mich, einen Nachmittagsschlaf zuhalten. Während die Snooze Funktion meines Weckers immer wieder bimmelt, befinde ich mich in einer art Halbschlaf. Ich sehe lauter Portale und bin nicht sicher, was zu tun ist. Irgendwie scheint diese Art des Halbschlafs, diese Sphäre dazwischen, der optimale Zustand zu sein. Ich drücke immer wieder auf Snooze und bilde mir ein, mit jedem Drücken ein Portal zu reloaden – so ganz genau kann ich nicht wiedergeben, was da in meiner Vorstellung passiert, aber  ich scheine mich optimal in das Spiel zu integrieren, oder das Spiel in mich. Stunden später dämmert mir, dass ich viel zu lange geschlafen habe, und völlig zerknittert begreife ich, dass der Wecker längst aus ist und Ingress meiner Psyche einen gehörigen Streich gespielt hat.

Ich glaube ich brauche dringend ein paar Tage Pause von dieser wirklich unheimlichen Angelegenheit.

Tag 8

Obwohl ich mir selbst eine Pause verordnet hatte, spiele ich weiter. Es gibt zu viele Situationen, in denen der kurze Blick auf den Scanner zu verlockend ist, nur noch eben kurz auf dem Weg zur U-Bahn ein paar Portale hacken, ja sogar während ich diesen Text schreibe hacke ich nebenbei mein “HP”, mein Home-Portal. Mitterweile habe ich es mit Heat sink und Multihack ausgestattet, damit ich es noch öfter hacken kann und auch sonst bemerke ich, dass sich mein Spielverhalten schon recht deutlich gewandelt hat in dieser einen Woche. Ich weiß nicht mehr nur wo die Portale in meiner unmittelbaren Nachbarschaft liegen, sondern auch, wie sie heissen und wenn ich einkaufen gehe oder ein Eis essen kann es gut sein, dass ich doppelt so lange brauche, weil ich ständig auf den Scanner starre.

Warum mache ich das?

Ich weiß es nicht genau. So lange ich das Ziel habe, einen Bericht über das Phänomen zu schreiben, kann ich mein Gewissen halbwegs beruhigen, so scheint es. Aber ich habe es mir innerlich längst eingestanden: ich spiele weiter gegen das bessere Wissen, dass Ingress mich im Leben kein Stück weiter bringt. Ich kenne das Gefühl von früher, wenn ich vorm Rechner saß und merkte, dass ich Zeit durch den Fleischwolf drehe – spiele, anstatt mich dem echten Leben zu zu wenden. Dieses Gefühl trat zuletzt immer häufiger auf, immer dann, wenn ein Game mich nicht mehr völlig in seinen Bann ziehen konnte. Ich kenne es noch gut, dieses Gefühl und meine Reaktion darauf: Nur noch schnell durchspielen! Nur noch schnell die Kampagne beenden, dann kann ich es weglegen, dann habe ich es geschafft, noch schnell herausfinden wie das Spiel zu Ende geht, aber dann ab damit in die Tonne! Abhaken! Aber wie ist das bei Ingress, mit dem “durchspielen”? Da ist keine Kampagne, die sich durchspielen lässt. Was hält mich bei der Stange?

Nach einer Woche Ingress bin ich Level 7 und merke bereits, dass es noch ein weiter Weg ist, bis zum ersehnten Level 8. Level 8 ist zwar nicht der höchste Level im Spiel, aber dennoch so etwas wie ein ultimatives Ziel: Mit Level 8 kann man die stärksten Portale bauen und die besten XMPs benutzen, man ist sozusagen wer. Ich denke “bis Level acht mach ich noch, danach mal sehen..” Ein bisschen ist es wie eine Beruhigung sich selbst gegenüber, das der Zauber bald ein Ende hat. Aber ich traue mir selbst nicht ganz. Ich schiebe den Gedanken beiseite und hacke mal wieder ein Portal. Ja, ich will.  Level acht sein.

Tag 9

Heute gehe ich zum ersten mal auf eigene Faust farmen. Dazu radle ich am Nachmittag zum Russendenkmal in Treptow. Dort gibt es auf engstem Raum unglaublich viele Portale. Leider ist der Zeitpunkt, zu dem ich dort ankomme, ungünstig. Als ich von zu Hause losfuhr, war hier noch alles grün. Mittlerweile ist alles blau. Hier sind ziemlich viele Mensche unterwegs und ich blicke nicht durch, wer hier Agent ist und wer einfach nur so in sein Handy starrt. Ich warte ein wenig ab, ob noch etwas Bewegung in die Portal Situation kommt. Ich versuche, das ein oder andere Portal zu erobern, jedoch ohne Erfolg – der Gegner scheint in der Überzahl, ich habe keine Chance. Als sich auch nach einer halben Stunde nichts Grünes bemerkbar macht, fahre ich unverrichteter Dinge wieder.

Auf dem Nachhauseweg hacke ich wieder alles, was geht. Level acht werde ich heute wohl nicht mehr schaffen.

Zwanzig Meter vor meiner Haustür trete ich in einen großen Haufen Scheisse, den ich in meiner Parallelwelt leider nicht angezeigt wurde. Ich rege mich kurz auf, um dann beherzt aufzulachen. Die Absurdität der Situation hat eine unfreiwillige Komik. Spontan lasse ich die letzte Tage Revue passieren und mir ist so, als ob etwas in mir drin sagt: lass es! es ist total albern. Du bist nicht mehr Du selbst, Du bist nicht wach, wenn Du permanent in dein Handy starrst und wie ein Zombie durch die Gegend irrst, Du gehst nicht mehr Deine eigenen Wege..

Ich gebe innerlich dieser inneren Stimme recht. Und bin froh, dass der Scheisshaufen mir einen Schubs gegeben hat.

Dieser Bericht ist nun zu Ende. Echtes Leben, Du hast mich nun wieder, denke ich, und eigentlich könnte ich mal wieder ein bisschen Platz machen auf meinem Speicher, der ist eh viel zu voll.

Good Bye, Lvl 8.

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Yes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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