Some Trews

Unhappy? Try… Civilization! — *Some Restrictions Apply

Klartext

Nichts muss man mehr selber machen..

Lonely Sculpture (2014) from Tully Arnot on Vimeo.

Je ne suis pas Charlie

Ein Gastbeirag von Johannes Reichau

 

JE NE SUIS PAR CHARLIE! ‪#‎jenesuispascharlie‬

ICH BIN NICHT CHARLIE HEBDO!

Zuerst mein Beileid mit den Angehörigen der Opfer – es traf sicherlich auch Unschuldige.

Aber nun will will hier erklären warum ich nicht Charlie Hebdo bin:

 

Wir alle haben von dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo mitbekommen.
Der anschließende Mediensturm war ja annähernd so groß wie nach 9/11. Kaum eine Zeitung, kaum einen Fernsehsender die das Attentat nicht aufs schärfste verurteilten und unterstrichen, dass der Anschlag auf die Charlie Hebdo Redakteure im übertragenen Sinne ein Angriff auf unsere Pressefreiheit, wenn nicht sogar ein Angriff auf unsere gesamten westlichen Werte im Allgemeinen war.
Plötzlich sind sich wieder alle einig und die Fronten klar:
Die bösen Islamisten und je nach Lesart, teilweise der ganze islamische Welt, auf der einen Seite – die gute freie Presse und die ganze westliche Welt auf der anderen Seite.
Man darf mal wieder empört sein und Schutzreflexe aufkommen lassen: „Unsere Werte niemals ermorden lassen“ titelt Zeit-Online , „Ein Anschlag auf das Wertvollste, was der Westen hat “ ließt man bei der FAZ, „Im Bann des Islamismus“ weiß der Tagesspiegel die Sache zu deuten.

Erst als hoch professionelle Killer beschrieben, entpuppten sich die mutmaßlichen Attentäter später anscheinend eher als chaotische Dilletanten die ein Auto voller Molotovcocktails, Dschihad-Flaggen und einem Personalausweis, in der Eile stehen ließen.
Das ganze wirkt eher wie aus einem schlechten französischen Ghetto-Film.
Da die beiden Flüchtigen heute von französischen Spezialeinheiten praktischerweise über den Haufen geschossen wurden ist die Akte für die Öffentlichkeit nun offiziell geschlossen, der Plot beendet – die Presse hat ihre Story und wir sollen nun alle trauern und in ein paar Monaten noch energischer in den Nahen Osten einmarschieren. Kreuzzüge-2.0-style!
Dann geht es mal wieder darum dem mittleren Osten unsere westlichen Werte näher zu bringen, die da vor allem 7,62 x 51mm und 5,56 x 45mm heißen. [Patronenmaße, Anmerkung A.N.]
Soweit bekannt – soweit nichts neues.

So einfach ist es aber nicht!
Zumindest nicht wenn man die Hintergründe verstehen will.
Dabei geht es weniger darum die Schuld im direkten Umfeld der Kouachi Brüder oder den Redakteuren des Charlie Hebdo zu suchen – manchmal muss man bei symbolischen Taten ein paar Schritte zurück gehen um ein größeres Bild zu bekommen.
Und auf diesem größeren Bild sehe ich eine ganze Generation von Franzosen ausländischer Abstammung die sich ziemlich verarscht fühlen von unserer ach-so-chancengleichen westlichen Welt.
Wir haben hier in Deutschland nicht den Hauch einer Vorstellung davon was es heißt im Banlieue zu wohnen und arabische oder afrikanische Eltern zu haben. Du bist dort so etwas wie der unvermeidliche Abfall der Hilfsarbeiter und niederen Angestellten die dafür sorgen, dass die noblen Pariser nicht im Müll ersticken. Der Rassismus wie auch die Ghettoisierung ist in Frankreich eine ganz andere Nummer als in Deutschland. Wir bemühen uns unsere Einwanderer zu Integrieren – in Paris dagegen endet die Metro präzise VOR den Banlieues – ab da fahren nur noch Busse und auch die manchmal grundlos nicht! Damit auch jedem klar ist wer dazu gehört und wer nicht!
Ansichten für die PEGIDA hier an den rechten Rand gestellt wird sind dort in noch schärferer Form absolut Gesellschaftsfähig, oder anders ausgedrückt; in einige gehobene Gesellschaftsschichten stößt man ohne diese Ansichten gepaart mit der passenden Abstammung, garnicht vor! Man erinnere sich an die berühmten Aussprüche Nicolas Szarkozy’s im Jahre 2005, man solle die Viertel in la Courneuve mit dem „Hochdruckreiniger“ von dem „Gesindel“ säubern.
Der Mann wurde später scheinbar problemlos Präsident Frankreichs.
Wer die Ausschreitungen von 2005 verstehen will, dem empfehle ich den Film „la haine“ zu deutsch „Hass“ in dem ein junger Vincent Cassel das leben der Jugendlichen und die Stimmung der vergessenen Generation virtuos darstellt. Erschreckend daran ist – der Film ist von 1995, also 20 Jahre alt, und die Situation hat sich seitdem nicht verbessert.

Wer sich solche tickenden Zeitbomben hält und glaubt es würde schon alles gut gehen, wenn man sie ignoriert, der ist so naiv, dass es gefährlich ist!
Wer die Augen verschließt vor schreiender Ungleichheit, sozialer Ausgrenzung und Chancenungleichheit der bekommt früher oder später die Retourkutsche – die Franzosen sollten dank ihrer Geschichte mit dem Sonnenkönig eigentlich ein Liedchen davon singen können.
Nur sind die Verhältnisse heute ein wenig anders:
Der Sonnenkönig, das ist heute die französische Oberschicht, die Intellektuellen und Manager die sich die teuren Luxusgüter in der Innenstadt noch leisten können. Die von ihren millionenschweren Pariser Stadtwohnungen per Chauffeur ins Büro gefahren werden und am Wochenende ins Chateu auf dem Land.
Die Redakteure von Charlie Hebdo gehörten bestimmt nicht dieser Oberschicht an, sie waren wohl eher so etwas wie die Hofnarren für das Establishment. Dass sie dabei oft und gerne rassistische und religionsfeindliche Töne anstimmten, schien der Clientel zu gefallen und auch sonst niemanden zu stören.
Wer sowieso dem Mammon huldigt und sich Sonntag morgens lieber ein Koks-buffet mit Nutten in die Suite kommen lässt, statt in die Kirche zu gehen – bei dem löst etwas Religionssatire höchstens Achselzücken bis schmunzeln aus.

Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Für andere dagegen, die ihr Leben lang von Mammons Kuchen höchstens die Krümel abbekommen und für die entweder die Religion oder billiges Haschisch die einzigen Lichtblicke sind ist das ganze weit weniger witzig.
Wir sind der festen Überzeugung Satire darf alles – aber ist das wirklich so?
Warum wurde dann Siné 2008 von Charlie Hebdo wegen „antisemitischen“ Tendenzen entlassen? ( http://www.cafebabel.de/…/sine-satire-muss-ikonoklastisch-s… )
Und wie wäre es zum Beispiel mit anderen „unter-der-Gürtellinie“-Witzen gegenüber Vergewaltigungen, Kindesmissbrauch oder den Holocaust?
Wie ist das mit offensiv frauenfeindlichen Witzen?
Ich sag nur „sexistische Kackscheisse“…
So abgestumpft und gehirngewaschen wir auch sein mögen – irgendwas ist uns immernoch „heilig“.
Und dafür empören wir uns, regen wir uns auf, werden aktiv, gehen nach Kräften dagegen vor. Wir haben zwar keine Kalaschnikow, aber das liegt oftmals wohl eher an der Verfügbarkeit als am Willen diese zu benutzen.

Dazu kommt die notorische Arroganz des Westens zu behaupten wir wären mit all unserer Ausbeutung, Zerstörung und Kriegen die Spitze der Zivilisation, ohne die anderen Kulturen mit ihren Wertvorstellungen als gleichwertig anzusehen. Wir verhalten uns in der arabischen Welt wie ein Elefant im Porzellanladen, fordern aber Verständnis, Toleranz und Nachsicht. Allen ernstes – wenn uns die arabische Welt unsere konsequente Ausbeutung nicht so geduldig verzeihen würde, läge hier schon weit mehr in Flammen als wir uns aus dem Fernsehsessel erahnen können.

You can fool some people sometime – but you can’t fool all the people all the time!

Jetzt haben wir also erkannt, dass sich die französische Gesellschaft einen Scheiss um die jugendliche Generation der Einwandererfamilien kümmert; Drogen und Gewalt sind die Karriereaussichten, und seit ein paar Jahren nun auch radikaler Islamismus.
Bei den Islamisten finden sie jemanden der ihren Frust, ihren Hass auf diese elitäre Gesellschaft versteht und teilt.Dort bekommen sie Struktur, Hierarchie und Ideologie, so etwas wie „Werte“ – seien es auch keine Guten. Ihnen wird der Koran heilig, denn er ist alles was sie haben.
Der Koran und die damit vermittelte radikale Ideologie wird ihr einziger Lichtblick in ihrem sonst tristen Alltag im Block.
Und da gibt es nun diese Karrikaturisten aus dem Establishment (das sowieso schon über ihre Abstammung und Armut witze macht) denen nichts besseres Einfällt als aus purer Langeweile das einzig Heilige dieser Menschen gehörig durch den Matsch zu ziehen.
So war es in meinen Augen es eher eine Frage der Zeit bis diese Jugendlichen zur Tat schreiten und ich glaube nicht, dass es schon das Ende ist.

Wir in Europa fangen unsere Kriege in der arabischen Welt doch auch ständig in unseren Zeitungen an (Irak 1&2, Afghanistan, Lybien, Syrien, Iran, Jemen, Pakistan etc.) – jetzt haben Ausnahmsweise die Opfer zuerst zugeschlagen und wir regen uns, übrigens nach einem 10jährigen Dauerbombardement ihrer Herkunfts-Länder, auf als hätten sie ganz Paris in Schutt und Asche gelegt.

Wo ist also die Solidarität mit den toten Kindern im Irak, in Syrien, in Afrika, in Afghanistan, in Palästina, im Jemen, in Pakistan und wo die CIA sonst noch ihre Scheisse durch, von Rammstein aus gesteuerte, Drohnen abzieht???
Wo ist die Solidarität mit den Zehntausenden von Opfern die unsere wirtschaftlichen Kriege fordern???
Und wo wird die Pressefreiheit verteidigt, wenn es keine Anschläge auf eine Zeitung gibt???
Wo sind all diese ganzen Front-row-Aktivisten auf Twitter die nun aus allen Ecken kriechen an einem ganz normalen Montag???
Wo sind die Franzosen die sich wirklich für die Verbesserung der Verhältnisse einsetzen??

Na!? Dämmerts?

Je suis Charlie ist elitäre Kackscheisse!
Mediengesteuerter Mitläuferscheiss – in 2 Wochen vergessen, wenn die Medien das nächste Thema haben.
Aber für die Jugendlichen in den Banlieues und für die zerbombten Familien in der arabischen Welt, bleiben unsere Wirtschaftskriege die Realität.

Also lieber
Je suis le 99% !
Je suis le monde!
oder Je suis Anonymous!

Das wäre ehrlich!

JE SUIS DRONE VICTIM #35355

je suis

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