Bitcoin (BTC) – Die Antithese zum herrschenden System

Ein Kommentar von Adam Nümm

Entgegen der merkwürdigen Behauptung, Bitcoin sei keine echte Währung, sollten sich auch diejenigen, die sich noch nicht nähergehend mit Kryptowährung beschäftigt haben, über eines möglichst bald klar werden: Bitcoin ist DIE Währung der Stunde. Dass unser (jahrhundertealtes) Finanzsystem marode ist, dass es unweigerlich früher oder später kollabieren wird, dass es einprogrammierte Faktoren gibt, über die immer noch zu wenig gesprochen wird – daran besteht für immer mehr Menschen kein Zweifel mehr. Der weitaus größte Teil der Geldschöpfung (über 80%) durch Kreditvergabe ist weiterhin in privater Hand, das Zins Problem ist und bleibt systemisch – die kartellartigen Verwicklungen des Finanzsystems haben 2008 eindrücklich gezeigt wohin der Weg mittelfristig führt.

Seitdem ist nichts passiert, die Casinos haben wieder geöffnet – ihre Umsätze: größer denn je. Nichts ist passiert? Moment mal, doch, da ist etwas passiert. Ein Hauch von Regulierung? Nein, nicht wirklich. Aber auch wenn die Politik bei dem Thema „Banken in die Schranken“ auf ganzer Strecke versagt hat – es gab ein Ereignis, das die Welt schon jetzt verändert hat.

2008, das Jahr der Weltwirtschaftskrise, war nicht zufälligerweise das Jahr, in dem das Projekt “Bitcoin” von einer Gruppe anonymer Mathematiker erfunden und die Idee im Netz frei zugänglich gemacht wurde – der Rest ist Geschichte. Nicht nur die erste wirklich globale Währung ist entstanden; vor allem war es die erste rein demokratische globale Währung, die es jemals gab, die damals aus der Taufe gehoben wurde und die sich nun anschickt, den herrschenden Verhältnissen das Wasser abzugraben. Eine Währung, in die seitdem rund um den Globus, auf allen Kontinenten vor allem Klein- und Kleinstanleger und Systemkritiker freiwillig investieren und deren Idee so fundamental neu ist, dass sie jedem, der sich mit der Causa Geld tiefergehend befasst, als hellstrahlende Hoffnung am Firmament kraftvoll leuchten wird. Die Grundidee: Banken überflüssig machen! Wie das geht? Durch intelligentes Geld. Gigantische Zahlenblöcke (Blockchain genannt), die von einem dezentralen Rechnernetzwerk errechnet und bestätigt werden, machen Transaktionen sicher im Sinne von nicht hackbar, nicht manipulierbar, vertrauenswürdig. Banken – u.a. entstanden um Bonität und sicheren Zahlungsverkehr von Marktteilnehmern zu gewährleisten – hätten somit womöglich ausgedient, zumal sie Kosten verursachen, die in keiner zeitgemäßen Relation mehr stehen.

Technisch ist BTC inzwischen so ausgereift, dass der Anwender damit so ziemlich alles kaufen kann, was unsere Wirtschaft hervorbringt: Purse.io, ein californisches Startup etwa, macht es möglich, dass per BTC sämtliche Waren von Amazon kaufbar werden; ob die bekannte Subway Kette oder Wholefoods, das Flaggschiff unter den amerikanischen Bio-Supermärkten; Steam, die weltweit führende Games Plattform usw. –  zigtausende von kleinen und großen Firmen akzeptieren mittlerweile BTC und es werden täglich mehr. Durch das Vorhandensein von Smartphones wird der Bezahlvorgang zum Kinderspiel. Wer jetzt mit der (aus dem Zusammenhang gerissenen) Angst vor der Abschaffung des Bargeldes kommt, dem sei gesagt: auch hier ist BTC auf Deiner Seite. Denn im Gegensatz zu Paypal, Safepay, Kreditkarten oder auch Geldkarten ist BTC, was all die genannten ganz sicher nicht sind: anonym. Und wer doch lieber etwas Bargeld in der Tasche hat: es gibt inzwischen Tausende von Geldautomaten in aller Herren Länder, die auf Knopfdruck Bares im Tausch gegen BTC ausspucken.

Dass der BTC Kurs weiter steigt, ist nur logisch – denn es spricht sich immer schneller herum, dass es eine (funktionierende!) Alternative zum (womöglich bald scheiternden) herrschenden System gibt. Man stelle sich vor, der globale Handelsmarkt will in den BTC rein, wenn es zu einem Crash der jetzigen Währungen kommt. Sollte es zu solch einem oder einem ähnlichen Szenario kommen, ist der BTC immernoch massiv unterbewertet.

Ein Großteil der  bisher geminten knapp 17 Millionen BTC  – im Jahr 2130 werden es 21 Millionen sein, eine feste Geldmenge,  die nicht erweiterbar ist und deren Preis sich durch Angebot und Nachfrage stabilisieren wird – ist vermutlich weitestgehend in der Hand von Anlegern der ersten Stunde, die die Idee frühzeitig verstanden haben und ihre BTC noch lange halten werden. Die Angst, die Finanzelite könnte den BTC mal kurz “übernehmen” ist daher nicht gerechtfertigt. Der enorme Schub der letzten Monate ist nichts weiter als ein Indikator dafür, dass die Nachfrage immens zunimmt. In diesem Zusammenhang von einer “Blase” zu sprechen, trifft nicht den Kern der neuartigen Situation und ist ein ungerechtfertigtes, zu kurz greifendes Urteil. Auch wenn der BTC Kurs weiterhin starke Ausschläge (in beide Richtungen) aufweisen wird – unterm Strich ist es die Idee, die den BTC erfolgreich macht. Auch wenn es immer wieder Rückschläge, wie 2014 die Schliessung der Mt. Gox Börse, geben wird: der Erfolgszug ist nicht mehr zu stoppen. Das wissen auch die meisten BTC-Besitzer und sie werden deshalb auch nicht so schnell verkaufen. Jeder Rückschlag wird mit zwei Fortschritten beantwortet werden. Nicht umsonst wurde BTC jetzt in Japan zum legalen Zahlungsmittel erklärt.

Und eins noch: Wer behauptet, BTC sei keine echte Währung, der hat etwas Grundlegendes nicht verstanden. Währungen erhalten ihren Wert durch Vertrauen und Akzeptanz, genauso ist es auch beim BTC. Was den BTC besonders macht: er ist eine Währung, die aus dem Volk heraus entstand, also von unten. Dabei sein & Frei sein lautet das noch unausgesprochene, aber immer spürbarere Credo derjenigen, die das Potential von Krypto erkannt haben.

Wir sollten jetzt besonnen sein, denn es ist durchaus möglich, dass durch gezielte Falschinformationen der BTC bei denen in Mißkredit gebracht werden soll, die sich bisher nicht mit der Technologie dahinter befasst haben. Auch wenn der BTC  (und schon gar nicht die Kryptowährung an sich) global nicht aufzuhalten sein wird – eine konzertierte Negativpropaganda plus Kriminalisierung etwa in westlichen Staaten ist immer noch denkbar. Seien wir also klug. Informieren wir uns und sprechen wir über Geld, anstatt es nur zu benutzen. Es geht um einiges, vielleicht sogar um alles.

Sozial ist da nichts mehr!

Bis zu 50% Mieterhöhung und das im „sozialen Wohnungsbau“ – der Senat muss jetzt handeln und dem Wahnsinn ein Ende bereiten

Wie das krasse Politikversagen Berlins zahlreiche Mieter mittlerer und unterer Einkommensschichten Neuköllns in den Ruin treibt, aber auch wie schamlos inzwischen die Politik ihr „Wahlvieh“ da bluten lässt, wo es am meisten schmerzt – bei der Miete: dieses und so manches mehr erfuhren am 18.11.17  mehrere Hundert Demonstrierende, die dem Aufruf der Anwohner des Maybachufer 40-42 gefolgt waren.

„Zorn“ war zu lesen auf den Schildern und Zorn war zu spüren bei den Betroffenen, die ironischerweise von einer „Robbe“ aus ihrer Wut Luft machten – also der Art Pritschenwagen, mit der in Berlin heutzutage  die allermeisten Umzüge erledigt werden dürften. Bis zu 50% Mieterhöhungen hatte es für die Anwohnerinnen  und Anwohner des Maybachufers 40-42 gehagelt und das, obwohl die entsprechenden Häuser Teil des „sozialen Wohnungsbaus“ sind. Wie kann so etwas überhaupt sein? Die systemische Ungerechtigkeit, die sich hier wieder einmal mit ihrer hässlichen Fratze zu erkennen gibt, ist schier erdrückend. Bleibt zu hoffen, dass endlich wieder Menschen vor Profite gestellt werden vom Berliner Senat und bleibt zu hoffen, dass weitere Berlinerinnen und Berliner Flagge zeigen und sich vernetzen. Der Spekulationsirrsinn muss endlich ein Ende haben; den krummen Geschäften der halbkriminellen Vermieter muss endlich ein Riegel vorgeschoben werden. Da werden Familien in den Abgrund gedrängt mit der Begründung, dass alte Verträge nicht mehr gelten, weil bereits Darlehen vorzeitig zurückgezahlt wurden. Willkommen in Absurdistan, der deutschen Hauptstadt der Ungleichheit.

Into the real void

Warum VR eine Zäsur für die Menschheit bedeutet und warum wir besser heute als morgen darüber sprechen sollten Ein Essay von Adam Nümm

Ich war dort. Ich war begeistert. Ich war fasziniert.
Und dennoch habe ich mich dazu entschieden, dort nicht mehr hinzugehen.

Wo bin ich gewesen? Nun, diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn ich war an vielen Orten. Der Ort an dem ich war ist sozusagen nicht starr, sondern einfallsreich. Es gibt kaum einen Ort in unserer Vorstellung, der nicht auch dieser Ort sein könnte. Ich war im Weltall. Ich flog über eine Stadt. Ich nahm Teil an dem denkwürdigen Geburtstag eines einsamen Igels, ohne dass mich dieser bemerkt hätte. Ich spielte Frisbee in völliger Schwerelosigkeit, fünf gegen fünf. Nach dem Spiel unterhielt ich mich mit einem Teamkollegen, ein humanoider Roboter mit einem echten Menschen dahinter. Er war sehr freundlich, ich sagte ihm, dass ich zum Abendessen müsse, meine Frau warte bereits. Ich fuhr mit einem Mini Cooper aus den Sechziger Jahren eine atemberaubende Rallye, mein Beifahrer, direkt neben mir, den Block in der Hand, sagte mir die Kurvenverläufe an. Dann glitt ich durch eine Phantasiewelt, die vor meinen Augen zerfloss und sich wieder zusammensetze. Stimmen sprachen zu mir. Ich staunte. Ich erkundete. Ich war wieder ein Kind, das die Welt entdeckt.
Dann waren da die finsteren Orte. Ich erschrak zutiefst, mein Herz pochte so schnell wie lange nicht. Was ich sah, brannte sich in mein Hirn, viele der Ereignisse sind für mich besser erinnerbar als Dinge aus meinem realen Leben. Und ich träumte intensivst von diesen Erlebnissen, von diesem Ort. Der Ort, den ich beschreibe, heißt virtuelle Realität, kurz: VR.

Was ist virtuelle Realität?
Das Problem dabei, virtuelle Realität zu beschreiben, ist, dass man dort gewesen sein muss, um es zu begreifen. Es ist ein Ort, der sich von allen anderen Orten, die wir als Menschheit bisher bereist haben, unterscheidet. Und genau das macht diesen Ort so unberührt, so neu, so verlockend. Einem Menschen mit Worten vermitteln zu wollen, was virtuelle Realität bedeutet ist wie… Ja, wie was eigentlich? Was wäre vergleichbar? Gab es in unserer Geschichte schon einmal eine vergleichbare Situation? Eine Situation, in der zunächst nur einige wenige Zugang zu einem Dimensionstor hatten, einer anderen Welt, die den anderen noch verschlossen blieb? Mystiker, spirituell Erleuchtete kommen mir in den Sinn. Aber auch die Entdeckung des amerikanischen Kontinents: eine fremde Welt, voller Geheimnisse, voller zu erforschender Winkel und voller ..Gefahren. Aber so wirklich lassen sich diese Szenerien doch nicht vergleichen.
Um es klar zu sagen: Die Situation der sich jetzt in diesem Moment in unsere Welt manifestierenden VR ist absolut neu. Weder das Buch, noch der Fernseher, noch das Internet mit seinen Kompagnons Smartphone und Social Media können es als solche und für sich genommen mit der schieren Unfasslichkeit dessen, was VR bedeutet, aufnehmen. In die Gedankenwelt eines Autors einzutauchen, Wissen aufzuschreiben und somit zu konservieren – das war sicherlich eine ebenso einschneidende wie bahnbrechende Errungenschaft. Das bewegte Bild, der selbstgemachte und verzerrte Spiegel unserer Welt, hat uns Menschen und unser Leben tiefschürfend verändert. Die bewegten Bilder, die jetzt gerade von unzähligen Geräten in unzählige Gesichter, Augen und Ohren flimmern, machen schon jetzt einen Gutteil der verstrichenen Lebenszeit aller Menschen aus und es werden rasant mehr. Bereits seit Jahren gehört dies zu unserer „Normalität“. Über die praktischen Aspekte und die problematischen Auswirkungen von Smartphones und Social Media hat man bereits vieles geschrieben.. Technologie ist eben nicht per se gut oder schlecht – es kommt darauf an, was man daraus macht, oder? Ja.

..und nein. Denn VR ist anders. VR ist viel unmittelbarer. VR hat die Fähigkeit, selbst als Medium zu verschwinden, nicht mehr wahrgenommen zu werden als Medium. Genau das ist es, worum es ihr geht: die totale Immersion, ganz im Gegensatz zur Illusion. Da, wo die Illusion aufhört Illusion zu sein, weil sie zur Immersion wird, da kann man begreifen, warum VR anders ist und mit nichts vergleichbar, das es bisher auf diesem Planeten gab.
Stellen wir uns eine vernetzte und bevölkerte Welt vor, in der alles möglich ist. Du entscheidest. Wer willst Du sein? Was willst Du tun?

Die technologische Frage ist längst beantwortet. Im Jahr 2017 ist klar: VR wird ein Massenmarkt. Dies ist nicht nur auf technischer Ebene für den Eingeweihten eindeutig, bereits jetzt gibt es großangelegte Kampagnen1, die auf die Akzeptanz gegenüber der neuen und noch fremden Technologie zielt. VR ist der Markt der Zukunft, das Erlebnis als solches ist das Produkt einer neuen Zeit.
Das unmittelbare Erlebnis der VR ist bereits jetzt bahnbrechend und es wird so stark werden, dass es unweigerlich unser Leben verändern wird. Menschen werden immer mehr Zeit in VR verbringen bis zu dem Zeitpunkt, an dem mehr Menschen gleichzeitig in der VR sind als in der Realität. Dieser Zeitpunkt wird ein besonderer Zeitpunkt sein. Es gibt noch keinen Namen für ihn, aber es sollte einen geben. Ich frage mich, ob er verstreichen wird, ohne dass wir uns dessen bewusst sein werden.

Die zentrale These, die ich in den Raum stellen möchte ist:

VR ist eine viel profundere Technologie als alles bisher dagewesene. Wenn wir nicht die Gefahren im Umgang mit dieser Technologie erkennen und bannen; wenn wir stattdessen einen ähnlich gelagerten, unaufgeklärten Umgang mit diesem Medium haben werden, wie wir ihn heute mit Smartphones, Social Media2 und leider auch mit BigData2b haben; wenn wir es ganz einfach gesagt der Industrie und den Werbetreibenden überlassen, auf welche Weise wir an diese Technologie herangeführt werden und wie sie genutzt werden wird; wenn wir uns, anstatt uns selbst und unsere Menschwerdung Ernst zu nehmen, uns unreflektiert den Verlockungen und Verheißungen hingeben werden, die diese Technologie uns bietet, dann könnte sie einen Großteil unserer – ohnehin nur noch als Reste vorhandenen – Fähigkeit zerstören, im Leben etwas größeres zu sehen als bloßes konsumieren. Wenn wir voraussetzen, dass der Sinn des Lebens für einen Großteil der Menschen irgendwo im Zwischenmenschlichen stattfindet und zwar nicht im Digitalen – irgendwo unter dem Äther von lieben und geliebt werden; wenn wir dazu die körperliche Nähe und Liebe als Mittelpunkt unseres Seins auch im Hinblick auf unseren natürlichen Fortbestand annehmen, dann wird VR womöglich sukzessiv die Sinnhaftigkeit unseres Daseins verschütten.

Warum ist VR gefährlich?
Am ehesten kann man VR wohl als eine unendliche Erfahrungskiste beschreiben. Stelle Dir vor, ich schenke Dir zu Deinem Geburtstag eine Kiste und sage: Mit dieser magischen Kiste kannst Du jede Erfahrung machen, die Du machen möchtest. Klopfe einfach dreimal auf den Deckel, schließe die Augen und sage „komm zu mir Erfahrung des Geistes!“
Was glaubst Du wohl, wie würde es sich für Dich anfühlen, diese Kiste überreicht zu bekommen? Fallen Dir womöglich spontan ein oder zwei Dinge ein, die Du gern einmal erleben würdest? Freust Du Dich vielleicht schon wie ein kleiner Junge darauf, zum ersten mal diese Kiste zu benutzen? Ich denke, dass die meisten Menschen schon ein paar Ideen bereit haben werden, die ein oder andere Erfahrung, die sie gern machen würden. Ob sexueller Natur. Oder nicht.

1. Das Hauptproblem der VR ist, dass die Erfahrungen sozusagen echt sind, bzw so echt wirken, dass unser Gehirn nur begrenzt in der Lage ist, das Erlebte von Realität zu unterscheiden. Mit Ausnahme der körperlich wahrnehmbaren Fliehkräfte, wird dem Gehirn perfekt „Realität“ suggeriert. Optisch und akkustisch:  Seh- und Hörsinn werden perfekt bedient. Dazu kommen noch die jetzt schon sehr immersiven Controller, die schon bald auch den Tastsinn einzelner Finger verblüffend echt erlebbar machen werden3. Grafische Darstellungen, Modelling, Texturen und Engines, aber auch natürliche Bewegungsabläufe von Charakteren, gepaart mit der benötigten Rechenpower für den Homeuser sind jetzt an der Schwelle zur Perfektion. Was im Videobereich bereits möglich ist – die für den Uneingeweihten nicht mehr unterscheidbare künstliche Anfertigung einer real wirkenden Umgebung4, ist auch im VR Bereich zum Greifen nah. Sicherlich wird unser Gehirn dazu lernen und natürlich werden wir im Regelfall in der VR eher einfach einmal stehen bleiben, wenn sich beispielsweise eine Patronenkugel unserem Bauch nähert, als wenn es Wirklichkeit wäre. Aber VR ist ein riesiger Selbstversuch, ein riesiges Experiment am Menschen und die ersten Probanden in diesem Experiment sind diejenigen, die sich dem aussetzen. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht genügend über die möglichen Auswirkungen der sehr starken Erlebnisse auf unsere Psyche. Dass die Erfahrungen sehr tief reingehen und nicht zu vergleichen sind mit Filmen oder Games, können bereits viele Tester bestätigen. Wer einmal eine VR Brille auf hatte und beispielsweise „Lone Echo“ gespielt hat, weiß, wovon ich rede. Auch das „Rubberhand-Experiment“5 veranschaulicht sehr gut, wie fundamental die Illusion, im virtuellen Körper zu sein, greift.

2. VR ist kein passives Medium. Wer nach einem Serienmarathon schon mal mit Po-schmerzen auf dem Sofa lag und ein schlechtes Gewissen hatte, der hatte dieses schlechte Gewissen unter anderem, weil er sich in dieser Zeit nur hat berieseln lassen. Er hat abgeschaltet, sich selbst ausgeschaltet. Wer VR geht, der schaltet sich selbst ein. Wer nach einer stundenlang perfekt simulierten (besser: echten) Erfahrung wieder in die Realität kommt, der wird danach kein schlechtes Gewissen haben. Stattdessen wird er den Drang verspüren, wieder dorthin zurück zu wollen, wo es so bunt, so aufregend war, wo er oder sie selbst so sexy war. VR wird enormes Suchtpotential bieten und ist gerade für Menschen mit schwachem Selbstwertgefühl der ideale Ort, um endlich mal „auf seine Kosten zu kommen“.
3. Erfahrungen nutzen sich ab. VR birgt das Problem kommerzialisierter Erfahrung in Reinform. Menschen werden VR Erfahrungen machen wollen, so viel steht fest. Das Problem aber ist, dass diese Erfahrungen vor allem von denen produziert werden, die damit Geld verdienen. Wir haben also ein Szenario, in dem Menschen massenweise nicht notwendigerweise hilfreiche Erfahrungen gefüttert bekommen werden von einigen wenigen Produzenten, die Erfahrungen nicht nach ethischen Maßstäben, sondern nach kommerziellen Maßstäben herstellen und vermarkten werden.
4. Wir können nur erahnen, wie sehr die unmittelbare Erfahrung uns prägen wird. Schon jetzt, 2017, kann man sich bei Youtube Menschen ansehen, die davon berichten, wie Sie in der VR einschlafen und wieder aufwachen6, also zwischen den Schlafzeiten VR als einzig wahrgenommene Ebene erleben. Die Vorstellung, dass viele Menschen, ihr Leben mehr und mehr in die VR verlagern werden, ist nicht nur problematisch, weil dadurch das analoge Leben mittelfristig aussterben wird, sondern auch, weil wir davon ausgehen müssen, dass die neuartigen Erfahrungen einen Backlash auf unsere Persönlichkeiten haben werden. Warst Du schon einmal bei einem Mord anwesend? Oder hast selbst jemanden erschossen? Hast Du schon einmal erlebt, wie jemand im selben Raum misshandelt wurde? Nein? Vielleicht ist das auch ganz gut so für Dich und Deine Persönlichkeit, was meinst Du? Dass derlei Szenarien in heute üblichen Computerspielen an der Tagesordnung sind, ist kein Aufreger. Dass diese Inhalte aber im ohne weiteres auf die virtuelle Ebene transferiert werden, obwohl VR viel mehr für unser Gehirn ist als die neueste Spielekonsole – das ist ein Aufreger.

Die große, unbemerkte Depression
Wenn alle krank sind, wird der, der gesund ist, als krank angesehen.
Die Individualisierung der modernen Industriegesellschaften schreitet schnell voran. Ihren Zenit wird sie in dem von der Welt entkoppelten (und dennoch vernetzten) Wesen haben, dem Menschen in der VR. Der VR-Native von morgen wird sich weder ein Leben ohne VR vorstellen können, noch wird er es als Bedürfnis empfinden. Ein Großteil seiner erlebten Wirklichkeit wird in VR stattfinden – VR wird für ihn gelebte Normalität sein. Über den Gesundheitszustand dieser neuen Gesellschaften zu spekulieren, würde zu weit führen. Über den Gesundheitszustand der dann sterbenden Wirklichkeit, die wir heute noch als normal ansehen, die aber in wenigen Jahren schon weniger oft frequentiert werden dürfte, kann und sollte man nachdenken. Vereinzelung, Vereinsamung, Entkoppelung in der realen Welt sind bereits bemerkbar, aber stecken noch in ihrer ersten Phase im Vergleich zu dem, was da noch kommen wird. Wir kennen bereits heute die schädigende Wirkung von unbedacht angewendeter Mediennutzung7. Täglich erscheinen wissenschaftliche Analysen und erschreckende Zahlen – ganz reale Zahlen von Menschen, die krank wurden, weil sie nicht die Gefahren kannten, denen sie sich mit der neuen Technologie aussetzen. Der Mensch flieht gern vor Problemen, er lenkt sich gern ab, vor allem wenn da keiner ist, der ihn ins Gespräch nimmt.

Wer sich, wie ich, Jahre seines kurzen Lebens in Bücher, Filme, Games flüchtete, um den Problemen, die das echte Leben mit sich bringt, auszuweichen, der weiß: Flucht ist keine Lösung. Wenn wir aber alle kollektiv fliehen, Flüchtlinge der Welt, dann könnte unsere Flucht unbemerkt bleiben. Denn über das, worum es früher einmal ging, was da vor kurzem noch in unserem Leben existierte, darüber werden wir nicht mehr sprechen; mehr noch: wir werden es möglicherweise kollektiv vergessen.

Links:
1)http://www.bild.de/partner/brandstory/saturn/spot-anna-ruehrt-deutschland-zu-traenen-53621848.bild.html
2)https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5544206/
2b) https://media.ccc.de/v/33c3-8414-corporate_surveillance_digital_tracking_big_data_privacy
3)https://manus-vr.com/
4)https://www.theguardian.com/technology/2017/jul/26/fake-news-obama-video-trump-face2face-doctored-content
5)https://youtu.be/lyu7v7nWzfo?t=10m22s
6)https://www.youtube.com/watch?v=gjXuro-v65w&t=8s
7)https://www.youtube.com/watch?v=hER0Qp6QJNU

Mehr Romanos bitte!

Die Columbia Halle hatte in letzter Zeit wohl kaum jemanden Hochkarätigeres zu Gast als den Köpenicker Romano, der bei dem ausverkauften Konzert am 10.11.17 nicht nur musikalisch voll zu überzeugen wußte, sondern auch mal wieder klar gemacht hat, dass zu einem zeitgemäßen Künstler seines Kalibers vor allem auch Authentizität zählt.

Mit klugen Texten und genialischer Bühnenperformance wusste Romano mitsamt Band sein Berlinheimspiel zu geniessen, sehr zur Freude des pogenden Publikums.
Wären die Veranstaltungsregeln bei einem heutigen Konzert dieser Größenordnung nicht so klar definiert durch Sicherheitskräfte und Reglement, wäre dieses besondere Konzert sicherlich im Null Komma Nichts zu einer hemmungslosen Party Ekstase geworden. So konnte man immerhin miterleben, wie das zeitweise auf der Bühne tanzende Publikum sich nicht um das geltende Rauchverbot scherte und stattdessen auf der Bühne große Joints rumgehen ließ.

Beim Song „Brenn die Bank ab“ tönten „Bitcoin“ Rufe durch den Saal, ein Hauch von Revolution lag in der Luft. Ein rundum gelungener Konzertabend mit so einigen Zugaben, den jung und alt gleichermaßen tanzend genossen und bei dem man nichts anderes sagen kann als: Bitte bald wieder!

Bis dahin hört Euch Romano, den Lyriker mit dem Herzen am rechten Fleck,  bei Youtube an und / oder kauft sein Album!

#o2 can’t do

Ich kann es nun offiziell verlautbaren: o2 ist der allerhinterletzte Scheiss!

Worte reichen nicht aus zu beschreiben, wie sehr man sich als O2 Kunde nach Strich und Faden verarscht vorkommt. Vergleichbares gibt es wohl hierzulande auch bislang nicht.

Es hilft vermutlich nur eines: kündigen, und zwar so schnell es geht!

Das Hauptproblem: O2 scheint derartig an Personal zu sparen, dass eine Kommunikation mit dem Kundenservice nahezu nicht möglich ist, es sei denn, man nimmt eine Woche Urlaub. Dann hat man vielleicht Glück und erreicht doch mal jemanden, wenn man es 5 Tage am Stück täglich 10 Stunden lang probiert könnte man Glück haben. Wahrscheinlich wird man aber vorher Selbstmord begehen, da kein normaler Mensch es aushält stundenlang mit den Telefonbots zu kommunizieren, die einen immer wieder vertrösten: „Wir sind gleich persönlich für Sie da!“ – klingt es nahezu höhnisch aus dem Hörer. „Gleich“ heisst dann wohl in zwei Jahren, oder was? Wer berufstätig ist, Kinder hat oder beides – der wird irgendwann einfach nur noch ratlos den Telefonhörer sinken lassen. Was denken die sich eigentlich dabei? Das ist nicht nur frech sondern irrsinnig, dass ein Telefonunternehmen es nicht schafft, einen Telefonkundendienst zu haben, bei dem man mit einem Menschen telefonieren kann.

Wie krass ist denn bitte das Monopol der Internetprovider, dass die sich so einen miesen Service leisten können und das nun schon seit Jahren?! Jede Firma in jeder anderen Branche wäre längst pleite!

Ohne Scheiss, man sollte diese vorsätzliche Verschanzung nicht tolerieren, der Gesetzgeber sollte hier endlich eingreifen. Gerade weil nicht funktionierendes Internet heutzutage auch beruflich eine sensible Sache ist. Schnell kommt es u.U. zu Verdienstausfällen, wenn das Arbeiten von zu Hause unmöglich wird durch die Schlampigkeit des Internetproviders. Es kann einfach nicht sein, dass ich dem Kunden ein Produkt verkaufe, ihm dann die für das Produkt benötigen PIN Informationen vorenthalte und dann null erreichbar bin (so war’s bei mir). Das Problem, weshalb Klagen hier nicht zieht scheint mir, dass ich als Kunde ja schlecht nachweisen kann, dass bei denen nie einer ran geht bzw erst nach Stuuuuuundeeeeeeennnn. Ist aber so! Fakt ist für mich jedenfalls:

O2 ist der hinterletzte Dreck. Nie, nie, nie, nieeeee wieder!
Auch ganz schön übel: o2 hält nur zu 24% sein Versprechen von VDSL 50. Statt mit 50MBit surfe ich gerade mal mit 12MBit! Unverschämtheit?*

Ach so, das beste zum Schluss: Der O2 Telefonbot (eine freundliche Frauenstimme) verkündet dann auch gerne mal nach ca 35 Minuten Wartezeit feierlich, dass man die Zeit des sehr geehrten Kunden nicht noch mehr verschwenden wolle und – Oh Wunder! – legt einfach auf. Yes. Hey mittleres Management (die Bosse interessierts da ja eh nich) bei O2, das hier mitliest: Habt ihr eigentlich nen Vogel?

„Für Ihre maximale DSL Geschwindigkeit tun wir alles.“ Sagt derweil der Bot am anderen Ende der Leitung. Ja genau, alles. Bloß nicht mal ans Telefon gehen könnt ihr.

Als ich nach stundenlanger Warterei endlich eine Mitarbeiterin an der Strippe habe, ist diese zwar verständnisvoll und entschuldigt sich (sie hört dieselbe Story täglich hunderte Male und kann auch letztlich nichts dafür!), mir entgegenkommen in Form eines gratis Monats etc kann (weil „darf“) Sie nicht. Dafür könne ich mich ja an die Beschwerdestelle wenden. Äh, telefonisch? – Ja, genau.

*) hier das Protokoll des Versuchs, bei o2 VDSL zu bekommen:

+ im Juni 2017 entscheide ich mich zähneknirschenderweise statt eines Providerwechsels (zu 1und1)  es zu versuchen und für 5 Eur mehr im Monat mein veraltetes Alice Produkt (Alice wurde von o2 geschluckt) mit 16 MBit  (29,99Eur) auf 50MBit upzugraden. Das ganze heisst dann „All In L“ und soll mindestens (also im schlechtesten Fall) 25 MBit bringen (im Regelfall bis zu 50MBit). Da mir auf der Webseite Rabatte versprochen werden (4,99 monatlicher Endpreis zu Beginn, 19,99 ab Monat 4 und 34,99 ab Monat 13) lasse ich mich gegen mein Bauchgefühl breitschlagen, auch weil meine Frau studiert und das Internet für ihr Studium gerade unverzichtbar ist.

+ o2 bestätigt die Buchung mit einer Leistungszusage ab dem 6.7.17 (einzusehen in meinem Onlineprofil)

+ am 6.7.17 ist es soweit. Meine Performance bleibt die alte.

+ nach knapp zwei Wochen miesester Performance (teils nur 6 MBit) habe ich die Schnauze voll. Da natürlich wieder kein telefonisches Vordringen möglich ist schreibe ich per Einschreiben (Auslieferungsbeleg liegt vor) an o2, Sie mögen die Performance bis  31.7.17 verbessern und kündige unter Vorbehalt, sollte sich nichts ändern und die Vertragsleistung weiterhin nicht erbracht werden.

+ der 31.7.17 verstreicht. Keinerlei Reaktion von O2, Keinerlei Verbesserung. O2 bucht weiterhin den alten Betrag ab und hält still. Ich hoffe derweil, dass da nochwas kommt und teste immer wieder meine Performance, die teilweise miserabel ist.

+ am 12.9. reicht es mir. Ich rufe wieder 02 an, diesmal dauert es insgesamt ca 2 Stunden bis ich jemanden vom Störungsdienst am Apparat habe. Wir gehen gemeinsam den Test durch und er bestätigt mir dass wohl eine Störung vorliegen müsse. Er sagt, dass er das vermerken würde und dass ich in 1-2 Tagen eine SMS bekommen werde mit weiteren Informationen. Hier Ein Test vom 13.9.17, an diesem Tag habe ich Teil unter 2(!)Mbit:

+ am 15.9. kommt ein  Techniker und  macht, dass es geht. Er sagt mir, dass da etwas hardwaremäßiges ersetzt wurde. Na endlich, nach  knapp zweieinhalb Monaten bekomme ich das versprochene Produkt. Leider bucht O2 direkt die vollen 34,99 ab, von Rabatten keine Spur.

 

Nachtrag: am 27.10.17: o2 erfreut mich mit einer Abbuchung von ca 60 Eur wegen „nicht Zurücksendung geliehenen Geräts“. Na toll, woher soll ich denn wissen dass man das denen zurücksenden soll? Sagt einem ja niemand. Zumal es eh dämlich ist, dass Sie mir EXAKT DASSELBE Gerät nochmal zugesendet haben, das brauche ich doch eh nicht!!! Bin  mal gespannt wie das weitergeht und ob ich mein Geld zurück bekomme. Die schaffens einfach immer wieder einem Zeit + Nerven zu rauben. Ich sende den Router sofort zurück über die entsprechende Funktion auf der o2 Homepage.

Am 2.11.17 rufe ich mal wieder bei O2 an, es dauert lange bis ich jemanden erreiche. Die Dame sagt mir ich solle nur den regulären Betrag von 34,99 überweisen, was ich auch direkt tue. Allerdings sagt Sie auch, der eingesendete Rounter bisher „nicht im System erschienen sei“.  Ich solle nun den Sendungsbeleg an o2 faxen. Als ich kurz darauf in einen vermeitlichen o2 Shop gehe um eben dies zu tun, sagt mir der Shopbesitzer er habe kein Faxgerät und er hasse o2, das sei eine Mafia. Als ich zu Hause ankomme stelle ich beim Durchsehen meiner Mails fest dass bereits am 1.11.17 eine  automatisierte Mail den Router Eingang bei o2 bestätigt. Ich beschliesse daraufhin das Faxen Faxen sein zu lassen.

8.11.17 Weiter gehts der Irrsinn: o2 fordert mich in einem formlosen Schreiben auf, „bitte 101,26 € für meinen o2 DSL Vertrag zu zahlen“. Da steht auch „Wollen Sie weitersurfen? Dann zahlen sie 101,26€ inkl Rücklastschriftgebühren der Bank innerhalb von 3 Tagen“ Yaaay! Ich rufe wieder mal bei o2 an und trage nun die gesamte Story vor. Ich solle das letzte Schreiben als gegenstandslos ansehen – was ich definitiv schriftlich bestätigt haben will. Ich  bin ja innerlich schon darauf vorbereitet, dass als nächstes ein Inkasso Brief kommt… Auf meinen Hinweis, dass ich als o2 Kunde SEHR unzufrieden sei und das mit dem fettgedruckten Satz am Ende des Schreibens „Wir schätzen Sie als Kunde sehr und hoffen, dass Sie mit unserer Leistung zufrieden sind.“ schlecht zusammen bringe, sagt der O2 Mensch nichts. Als ich ihm dann erkläre, dass ich fast zweieinhalb Monate ohne Leistungserbringung war, sagt er auch nichts. Als ich konkret eine Gutschrift erwäge, bewegt er sich und sagt mir, er könne nur für den Zeitraum zwischen Störungsmeldung und Behebung eine Gutschrift tätigen, alles andere würde das System nicht tolerieren. Okay. Ich bin dann mal gespannt ob da noch was kommt. Klar ist aber, dass wenn ich das nächste mal umziehe, ich nicht wieder, NIE WIEDER o2 Kunde werde. Und das tut jetzt schon gut.

Wenn wir die Welt retten, dann auf zwei Rädern

von Adam Nümm

Manche Abende verlaufen anders, als man es sich vorgestellt hatte. Meistens sind es die besten.

Als mich mein Mitbewohner am Nachmittag fragte, ob ich bei der „Fahrrad Demo“ mit radeln würde, hatte ich noch mit „Nö.“ geantwortet. Die jeden letzten Freitag im Monat stattfindende Fahrradtour durch Berlins Straßen war mir zwar schon zu Ohren gekommen, aber bisher hatte ich weder besondere Notiz von den sich allmonatlich unmittelbar vor unserer Haustür treffenden RadfahrerInnen genommen,  noch hatte ich mich genauer erkundigt, worum es sich bei der Sache eigentlich dreht.

Als ich  einige Zeit später, nach getaner Arbeit, einen kleinen Spaziergang um den Block machte, sah ich sie erneut: hunderte Radfahrer, jedweder Coleur, versammelten sich mal wieder am Heinrich Platz, einige von ihnen mit mobilen Musikanlagen ausgestattet, die sie mit Spanngurten an ihren Rädern befestigen oder im Anhänger hinter sich herziehen.

Es geht losEs geht los, quer durch die Stadt

Ob es meine Leidenschaft für mobile Soundlösungen war, oder einfach nur die Lust ein bisschen rauszukommen und frische Luft zu schnappen – fünf Minuten später stehe ich mitsamt meinem Fahrrad wieder auf dem Heinrichplatz und bin bereit für „Critical Mass“, für die kritische Masse, wie sich die Aktionsform selber nennt – ein Phänomen, wie ich später erfahren werde, das sich 1992 in San Francisco entwickelte und sich seitdem in Städte weltweit ausbreitet.

critical massAuch sportliche Biker sind dabeiAuf der Critical Mass sind jung und alt gleichermaßen vertreten // Auch sportliche Biker sind dabei

Um kurz nach Zwanzig Uhr werde ich Zeuge einer ungewöhnlichen Situation: feierlich wird ein Countdown runter gezählt und der Tross setzt sich, die Oranienstraße in westliche Richtung nehmend, in Bewegung. Das ganze ist so stimmungsvoll, dass es mich spontan an einen Etappenstart der Tour de France erinnert oder den Start eines Marathonlaufs. Allerdings ohne das ganze Brimborium drumherum: hier gibt es nur Radfahrer, die, von überall herkommend,  sich selbst organisieren – keine Absperrungen, keine Banner, keine Zuschauermassen. Nur das ganz normale Kreuzberger Publikum, das wie üblicherweise flaniert oder in den umliegenden Cafes sitzt und das jetzt durchaus angetan ist von der sich abspielenden Szene und sich offenkundig darüber freut, dass (wie so oft) wieder einmal etwas los ist in Kreuzberg.

Und schon bin ich mittendrin in der „kritischen Masse“. Einer von vielen. Ein Glied der Kette, die sich behende Richtung Stadtmitte ihren Weg bahnt; zumeist geht es geradeaus, den Anfang der Gruppe sehe ich längst nicht mehr vor mir. Ab und zu steht Motorradpolizei an gesperrten Kreuzungen oder besser: an Kreuzungen, bei denen außer uns alles steht; AutofahrerInnen, die warten müssen, bis wir vorbei sind. Ein schönes Gefühl, einfach so im Verband durch die City zu fahren.

Zusammen fahrenMan fährt: zusammen

Schnell fällt mir auf: der Umgang miteinander ist freundlich, die Stimmung ausgelassen. „Komm durch“ sagt einer zu mir, als ich etwas schneller fahre, und fährt extra für mich ein wenig zur Seite. Da freue ich  mich und fühle mich aufgehoben. So nett ist man im Straßenverkehr sonst nicht zu mir. Bemerkenswert finde ich, wie die RadfahrerInnen selbstorganisiert und ohne mit der Wimper zu zucken Autofahrer „blocken“ an Kreuzungen, wenn dies nicht gerade von Polizisten erledigt wird. Die vorderen fahren direkt an die entsprechenden Stellen und sorgen so dafür, dass die Autofahrer da bleiben wo sie sind – um den Tross der Radfahrer effektiv abzuschirmen.

Wo lang, entscheidet der FlowMuss auch warten, wie alle andere: StretchlimoWo lang es geht, entscheidet der Flow // Muss auch warten, wie alle anderen: Stretchlimo

Einmal, als wir uns einem Zebrastreifen nähern, wird die Gruppe gemeinsam langsamer und bremst ab; lässt die Fußgänger zuerst rüber gehen. „Alles nach Straßenverkehrsordnung“ sagt jemand, halb im Scherz. Ich werde später noch über diesen Satz nachdenken.

Wohin? – Keine Ahnung!

„Wenn irgendwann jemand die Welt rettet, dann auf 2 Rädern“, sagt ein junger Mann, nachdem ich ihn frage, warum er bei „Critical Mass“ dabei sei. Er ist sportlich gekleidet und trägt – passend zu seinem Rennrad – ein buntes Radfahrercappy. Von ihm erfahre ich endlich, worum genau es sich bei der ganzen Sache handelt. Critical Mass ist nämlich nicht – wie ich zuerst gedacht hatte – eine Demo, sondern ein echter, selbstorganisierter und daher „privater“ Fahrradausflug. Ich bin verdutzt. „Aber wohin geht denn der Ausflug?“ frage ich. „Keine Ahnung!“ bekomme ich zur Antwort. „Das weiß  keiner.“RadfahrerInnen blocken PKWan Kreuzungen, um den "Zug" zu scRadfahrerInnen blocken PKW an einer Kreuzung, um den Zug zu schützen

Einigermaßen verblüfft realisiere ich, dass diese Bewegung etwas sehr besonderes ist. Denn obwohl sich hier viele Menschen zusammen tun, für die gemeinsame Sache, gibt es keine Agenda, kein politisches Element, keinen konkreten Forderungskatalog und vor allem: keine Hierarchie. Außer den Menschen, die die Berliner Facebook Seite verwalten, ist da nichts – und das, wird mir relativ schnell klar, ist auch gut so. „Critical Mass ist schon ein Statement an sich, wenn auch ohne direkte Forderung. Wir nutzen unser Recht als Bürger im Straßenverkehr.“

B612-2015-05-29-21-06-00Xavor Pedal „Wird Zeit, dass sich unser Blickwinkel ändert“

Politisch im Unpolitischen

„Aber was ist mit den roten Ampeln, die wir ständig überfahren?“ möchte ich wissen. Xavor Pedal (wie sich der junge Mann später vorstellt), antwortet: „Das ist alles im grünen Bereich. Wenn man mit einer großen Gruppe radelt, gilt man laut Straßenverkehrsordnung als „Zug“. Das ist ja das geile.“ Die Vordersten, so erklärt er mir, müssen sich also durchaus an rote Ampeln halten und stehen bleiben, wenn rot ist. Ist dann grün und der Zug einmal in Bewegung, darf aber weitergefahren werden, auch wenn die Ampel wieder auf rot springt. Meine Verblüffung ist ungebrochen. Hier wird also gemeinsame Sache gemacht, der öffentliche Raum in Beschlag genommen und (manch einer würde sagen) ein riesen Verkehrschaos verursacht – aber alles innerhalb der gültigen Gesetze. „Warum Verkehrschaos“, sagt Xavor. „Das echte Chaos sind doch die ganzen Luftverpester. Nur haben wir uns an die leider gewöhnt. Wird Zeit, dass sich unser Blickwinkel ändert.“ Ja, da hat er wohl recht. „Wir Radfahrer haben doch genauso das Recht, unseren Raum zu beanspruchen wie die Autofahrer.“ Da gibt es nichts dran zu mäkeln.

SiegessäuleAuch der Kreisverkehr an der Siegessäule wir in Beschlag genommen

Ob ich mit dem Rad fahre oder mit dem Auto, ist meine Entscheidung. „Das Politische ist schon irgendwie da“, meint Xavor weiterhin, „Vielleicht steckt sozusagen das Politische im Unpolitischen.“ Interessant. Ich hatte mich nämlich schon gewundert, warum auf dieser Veranstaltung keinerlei Parteifahnen beispielsweise der Grünen zu sehen sind. Die Bewegung lässt sich nicht so leicht vereinnahmen, eben weil sie sich selbst nicht als „politisch“ verordnet – zumindest nicht offiziell. Dass nicht wenige, der hier versammelten Menschen durchaus politische Motive haben, finde ich nichts desto trotz leicht heraus. Die meisten der von mir interviewten RadlerInnen geben durchaus gerne ihre Unzufriedenheit preis, wenn es um die Rechtssituation in Deutschland geht, bezogen auf Radfahrer vs Autofahrer. „Eine Frechheit“ sei es, wie die Autofahrerlobby hierzulande von der Politik verhätschelt werde; einer fragt mich ganz offen und sichtlich erzürnt: „Wieviele von uns müssen eigentlich noch sterben, damit sich da endlich etwas tut? Neulich in Kreuzberg ist wieder ein Radfahrer von einem LKW getötet worden, Reichenberger Ecke Glogauer Straße“ Er erklärt mir die schwierige Situation und mir wird klar, dass sich hier viele Menschen Luft machen, die unzufrieden sind mit den herrschenden Verhältnissen.

Vorbei an Kulturstätten wie dem Haus der Kulturen der WeltVorbei an Kulturstätten wie dem Haus der Kulturen der Welt

Vielfalt trifft Entschleunigung trifft  Kultur

Die Menschen hier sind aber ohne Frage nicht alle vom selben Schlag, geschweige denn alle gleich motiviert. So unterschiedlich wie die Fahrräder, so unterschiedlich die Menschen: jung und alt radeln mit – der eine mit Mountainbike, andere  mit Fahrradkorb und wieder andere mit selbst zusammengeschweißten Liegerädern. „Für mich ist das die geilste Party überhaupt“ sagt Jonas, (22), Elektriker, und freut sich über die vielen Musikanlagen, die mit ganz unterschiedlichen Musikstilen einen gewissen Drive in das Ganze bringen. Gisela ist mit 69 Jahren erstaunlich fit für ihr Alter. Für sie ist die Möglichkeit, mal unbeschwert durch ihre Heimatstadt Berlin zu fahren, der Hauptgrund für ihre Teilnahme. „Das hat schon was, wenn man mit all den Leuten gemeinsam durch die Stadt fährt, in der man so viel schon erlebt hat. Man sieht ja auch was von der Stadt. In der Ubahn sieht man ja nichts.“Unterschiedlichste Räder und MenschenWie die Räder, so die Menschen: unterschiedlich

In der Tat, man sieht was. Und zwar so einiges. Als wir an einem prunkvollen Schloss vorbeifahren und ich schon seit einiger Zeit die Orientierung verloren habe, wird mir geholfen: „Das ist das Charlottenburger Schloss“, sagt Andreas (Mitte 50), Diakon aus Ostberlin. Für ihn war heute besonders die Durchradelung des Tunnels am Alexanderplatz von Bedeutung. „Da war ich mal festgesetzt worden, zusammen mit anderen Friedensaktivisten, Mitte der Achtziger. Normalerweise fährt man da ja nur mit dem Auto durch – mit dem Rad ist das schon was anderes, da werden Erinnerungen wach.“ Ob er sich vorstellen könne, dass aus der Critical Mass eines Tages auch so etwas wie eine Friedensbewegung werden könne, frage ich ihn. Andreas, Friedensaktivist und Diakon aus BerlinAndreas, Ostberliner Diakon, radelt zum ersten mal mit und ist begeistert

„Das ist sie doch schon. Wo sonst bitte schön hat man so ein friedliches Miteinander wie hier? Die Leute reden miteinander, anstatt – voneinander abgekapselt – im Stau zu stehen. Alle reden von Entschleunigung. Das hier ist gelebte Entschleunigung!“ In dem Moment heben die FahrerInnen vor uns alle gleichzeitig und geräuschlos die Hand und werden langsamer. Ein magischer Moment. Arm heben statt Warnblinker. Das hat was. Direktes. Geerdetes. Natürliches.

Regeln VS Vertrauen

„Regeln sind nur in einem bestimmten Maß sinnvoll. In dem Maß, in dem wir uns gegenseitig [als Menschheit / Anm.d.V.] misstrauen. Je mehr wir uns vertrauen, desto weniger Regeln brauchen wir“ sagt eine Radfahrerin, lächelt uns an und beschleunigt dann. Ich werde nachdenklich. Was, wenn wir vorhin am Zebrastreifen nicht aufgrund der Regel, sondern aus echter Rücksichtnahme auf die anderen abgebremst hätten? Wäre es vielleicht tatsächlich so, dass wir weniger Straßenverkehrsregeln (und allgemein weniger Regeln) bräuchten, wenn wir lernen würden, mehr aufeinander Acht zu geben? Oder, anders ausgedrückt, z.B. anstatt Autos nur noch Fahrräder benutzen würden? Ein schönes Gedankenspiel allemal.

critical massAuch gehandicapte MitbürgerInnen sind mit von der Partie

Je mehr ich über diese Dinge nachdenke, desto mehr wird das Radfahren an sich für mich zur vielseitigsten, zeitgemäßen gesellschaftlichen Metapher überhaupt. Egal ob Öko-Diskurs, Freiraum-Debatte oder der allgemeine Trend hin zu mehr Körperbewußtsein: mir scheinen die Hinweise darauf, dass diese Masse schon sehr bald tatsächlich eine „kritische Masse“ werden könnte, aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Motivierbarkeiten, unübersehbar groß. Und auch, als wir am Bundestag vorbeifahren und aus der Radlermeute laute Buh-Rufe erschallen, werde ich in meinem Instinkt bestätigt. „Wir werden jedes mal mehr, gewöhnt Euch lieber schon mal dran!“, ruft einer der Radfahrer den Sicherheitsangestellten am Reichtagsgebäude zu.Am Bundestag: Die Rufe werden lauterAm Bundestag: die Rufe werden lauter

Mittlerweile habe ich meine Orientierung wieder gefunden. „Ach, hier ist die Deutsche Oper!“ ruft ein jüngerer Teilnehmer seiner Freundin zu – Musik trifft Politik trifft Entschleunigung trifft Kultur.. Die Liste der Vorzüge dieses Fahrradausfluges ließe sich sicher noch fortführen. Mir aber tut mittlerweile – offen gestanden – der Arsch weh. Und dunkel ist es inzwischen auch. Hoffentlich, denke ich, fahren die da vorne bald mal rechts, damit es mal wieder Richtung Süden geht. Nach Eberswalde wollte ich heuteabend eigentlich nicht mehr radeln.. Zu allem Überfluss sehe ich, wie mein Nachbar sich einen Powerbar gönnt oder sowas – irgendeine Paste für Leistungssportler in einer Aluminiumverpackung. Plötzlich bin ich einigermaßen verunsichert. Bin ich hier vielleicht in so eine Art Marathon geraten – ein neuartiges Internet Massenphänomen für Sportverrückte? So sportlich sehen die meisten hier aber gar nicht aus.

Von MC Hammer über Falko bis hin zu Black Sabbath reicht das musikalische Spektrum auf der Critical Mass, auch Liebhaber elektronischer Musik kommen voll auf ihre Kosten

„Letztes mal sind wir um die 50 Kilometer geradelt“ höre ich jemanden sagen. Mir wird bang. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Als ich meine Sorge laut ausspreche, entgegnet mir mein Nachbar gelassen: „Das gehört dazu. Wer will schon ein Leben ganz ohne Selbst Überwindung?“ Mir gefallen seine Worte. Und als wir kurz danach abbiegen, kann ich wieder lachen, denn die Musik gefällt mir im Dunkeln noch besser, einige RadlerInnen haben jetzt ausgefallene Beleuchtungen an Rädern und Kleidung – der Zug im Dunkeln verschmilzt zu einer fahrenden, pulsierenden Lichterkette.

„Ihr seid vieeeel zu viele!“ ruft laut ein Mitbürger mit Bierflasche in der Hand, als der Tross mitten durch Reinickendorf jagt. „Ich würde das echt gern mal von außen sehen, das dauert sicher eine halbe Stunde oder länger, bis alle durch sind, sagt Xavor, der mittlerweile wieder neben mir fährt. „Leider ist es auch gar nicht einfach, mal alle zu zählen, das sind bisher immer nur Schätzungen. Einige Tausend sind wir definitiv, vielleicht schaffen wir ja diesen Sommer mehrere Zehntausend. Da geht was!“ grinst er.

Eine Viertelstunde später entschließe ich mich, den Tross zu verlassen. Auch aus der Einsicht heraus, dass dies ein ganz zentraler Bestandteil des Ganzen ist: Menschen kommen zusammen und dann lösen sie sich wieder voneinander. Es gibt kein „Ziel“, kein offizielles Ende. Zwar, so heisst es, wollen einige wohl später noch ein bisschen zusammen im Volkspark Friedrichhain Musik hören und ein Bier trinken – aber das ist absolut keine Pflicht. Ich bin müde und habe Hunger. An der Straßenecke Danziger/Prenzlauer Allee lösen sich mit mir gemeinsam ein paar RadlerInnen aus dem Tross. „Kreuzberg!“ ruft einer. Da bin ich dabei.

Party Bikes by nightParty Biker by night

Als ich  wieder in meinem Kiez ankomme, ist es Viertel nach Elf. ich bin gute drei Stunden durch Berlin geradelt, circa 40 Kilometer. Das waren die kurzweiligsten drei Stunden seit langer Zeit. Ich brauche ein wenig, um mich wieder an den normalen Verkehr zu gewöhnen – es ist wie mit allem anderen auch: man gewöhnt sich schnell an neu gewonnene Freiheiten – andersherum ist es schwieriger. Vielleicht darf man ja hoffen, dass in Zukunft immer mehr Menschen in den Genuss des befreienden Radelns kommen. Und wenn dann, am Ende, die Fußgänger über die Radfahrer triumphieren, haben wir vielleicht gewonnen.

http://criticalmass-berlin.org/critical-mass/verhaltensregeln/

 

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